Getagged: Architektur

Baukunst der Nachkriegsmoderne – auch im Wedding

Die Dankeskirche (Quelle: E.Elfert)

Die Dankeskirche (Quelle: E.Elfert)

In keinem anderen Bezirk scheinen sich die Städteplaner der Nachkriegsjahre so radikal über die historische Stadt hinweg gesetzt zu haben wie im Wedding. Um dem Bezirk seine Zweitklassigkeit zu nehmen und den Bevölkerungsrückgang zu stoppen, so jedenfalls die historischen Quellen, sollte der Wedding radikal umgebaut werden. Alleine im sogenannten Brunnenviertel wurden im Rahmen von Sanierungsprogrammen Wohneinheiten von ca. 50.000 Bewohnern ohne Not dem Erdboden gleichgemacht.

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Politik trifft Wirtschaft – Besuch im Kaufland Müllerstraße

Vor rund sechs Wochen war es soweit – am 5. Dezember eröffnete auf dem ehemaligen Gelände der Müllerhalle der Kaufland-Neubau. Es ist also an der Zeit, eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen, wie der neue Markt im Wedding angenommen wird.
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Job-Center Müllerstraße: Einst das bekannteste Arbeitsamt Deutschlands

Fast jeder kennt dieses Bild: das große rote „A” an einem Betonbau. Die „Tagesschau“ der ARD machte das Arbeitsamt in der Müllerstraße zum bekanntesten seiner Art in ganz Deutschland, indem sie über Jahrzehnte symbolisch dieselbe Ansicht des Gebäudes zeigte – immer, wenn es um Arbeitsmarktthemen ging.

Agentur für Arbeit Müllerstr.

frühere Agentur für Arbeit Müllerstr.

Ein Grund für die Verwendung eines Bildes jenes Bauwerks könnte sein, dass es ein typisches Beispiel der schlichten Nachkriegsarchitektur der Zeit des westdeutschen und Westberliner Wirtschaftswunders ist. Auch der Lebensweg von Bruno Grimmek, der das Gebäude entwarf, ist typisch für diese Zeit. Grimmek, der Ende der 1920er Jahre sein Architektenausbildung abschloss, entwarf später unter Albert Speer (Hitlers Architekt für den Ausbau der Reichshauptstadt) Verwaltungsgebäude für Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltete Grimmek – nun im Auftrag der West-Berliner Bauverwaltung tätig – die wenige Kilometer von der Müllerstraße entfernte Gedenkstätte Plötzensee, an jenem Ort, wo über 2500 Gegnern des Nazi-Regimes ermordet worden waren. Und wählte hierfür die Architektursprache des von den Nationalsozialisten errichteten Olympiastadions. In den 1950er Jahren wechselte Grimmek dann schnell zur Architektur der Nachkriegsmoderne. Zu seinen Werken gehören u.a. die U-Bahnhöfe Amrumer Str. und Rehberge sowie der U-Bhf. Leopoldplatz (U 9-Bahnsteig) im Wedding. Besonderes Merkmal sind die zum Bahnsteig hin gewölbten „Schmetterlingsdecken“.

Anders als bei den Verwaltungsgebäuden des Landes Berlin, bei deren Gestaltung Grimmek viel Freiheit genoss, gab es in den 1950er Jahren beim Arbeitsamt strenge Vorgaben durch die zuständige Bundesagentur für Arbeit. Festgeschrieben war beispielsweise die Errichtung der Gebäude auf einem Eckgrundstück, ebenso wie die damals übliche Trennung der Warteräume für Männer und Frauen. Kostenbeschränkungen führten außerdem dazu, dass nicht teurer Naturstein, sondern schlichter Putz sowie pastellfarbene Kacheln an der Fassade eingesetzt wurden. Dem aufmerksamen Beobachter sind im letzten Jahr sicher die Veränderungen im einstigen Arbeitsamt aufgefallen. So verschwanden die schönen Geranien, die im Sommer vom Balkon der Hausmeisterwohnung am rechten Gebäudeteil herunter rankten. Das „JobCenter“ hatte als neuer Eigentümer des Hauses bei der Gebäude-Übernahme erst einmal dem dort langjährig tätigen Hausmeister gekündigt.

Dass das Arbeitsamt in der „Tagesschau“ nun nicht mehr erscheint, ist jedoch nicht seinem Funktionswechsel zum „Jobcenter am Standort Wedding“, wie es jetzt offiziell genannt wird, geschuldet. Vielmehr hatte die zuständige Bildredakteurin der Tagesschau beim NDR in Hamburg einen Fotografen beauftragt, neue Bilder zur Arbeitsagentur und zum JobCenter zu machen. Begründung: In der heutigen Zeit der Serviceorientierung sollen keine Bauwerke mehr gezeigt werden. Auf den Bildern über solche Einrichtungen sollen vielmehr deren „zufriedene Kunden“ zu sehen sein.

Autor: Eberhard Elfert

zuerst erschienen in der “Ecke Müllerstraße”

Wedding unterirdisch (Teil 2)

Hässlich, schmuddelig oder einfach nur funktional – die U-Bahnhöfe in Gesundbrunnen machen auf den ersten Blick nicht viel her. Ein bisschen Hintergrundwissen kann da nicht schaden…

Bernauer Straße – hart an der Grenze zum Wedding

Quelle: Phaeton1

Quelle: Phaeton1

Eine lange Baugeschichte haben alle Stationen der Gesundbrunnen-Neukölln-Bahn (GN-Bahn), die die Keimzelle der heutigen U8 war. Die Linie wurde schon 1912 als Privatbahn von der AEG begonnen, doch durch den ersten Weltkrieg und den Geldmangel zwischen den Kriegen kam es erst 1930, als die BVG gerade gegründet worden war, zur Eröffnung. Die gelben Wandfliesen und die schwarzen Marmorsäulen (noch von AEG-Hausarchitekt Peter Behrens entworfen) verleihen dieser Station eine gewisse Eleganz. Da der Bahnhof genau an der Nahtstelle zwischen Ost- und West-Berlin lag, wurde er 1961 wie alle anderen Stationen der Linie D im sowjetischen Sektor geschlossen – bis 1990. Im Gegensatz zur Linie 6, die zumindest am Bahnhof Friedrichstraße noch einmal hielt, fuhr die Linie 8 als “Geisterlinie” tatsächlich ohne Halt durch bis zum Moritzplatz in Kreuzberg.

Voltastraße – Der Look der 20er

Quelle: IngolfBLN/flickr

Quelle: IngolfBLN/flickr

Baugeschichtlich ist dieser Bahnhof mit dem Nachbarhaltepunkt Bernauer Straße vergleichbar. Auch diese Station war von der AEG schon im Rohbau fertiggestellt, bevor die Firma ihre U-Bahn-Tochtergesellschaftaufgrund wirtschaftlicher Probleme nach dem ersten Weltkrieg liquidieren musste und dadurch die Stadt Berlin zum Eigentümer der Strecke wurde. Hier sind die quadratischen Wandfliesen hellgrün und die runden Mittelstützen aus Granit. Im Gegensatz zu “Bernauer Straße” war der Bahnhof jedoch seit 1930 durchgehend in Betrieb, da er im Bezirk Wedding und somit im Westteil lag. Kurios ist, dass im Untergrund weitgehend der Zustand von 1930 erhalten geblieben ist. Geht man jedoch hoch auf die Mittelinsel in der Brunnenstraße, sind die meisten Altbauten verschwunden….

Gesundbrunnen – Tiefer geht’s in der U-Bahn nicht

U Bhf Gesundbrunnen Bahnsteig2Hier war bis 1977 Endstation der 1930 eröffneten GN-Bahn. Ursprünglich sollte hier eine Hochbahn über die Ringbahngleise gebaut werden, doch man entschied sich doch für einen besonders tiefen, nämlich 18 Meter unter Straßenniveau liegenden U-Bahnhof – den tiefsten Bahnhof Berlins. So kommt es, dass die Badstraßen-Rolltreppe, damals ein Symbol für Modernität, die längste im BVG-Netz ist. Eine Besonderheit sind auch die zwei Stützenreihen auf dem mit 15 Metern ziemlich breiten Bahnsteig. Seit der letzten Sanierung 2005, bei der auch einige Wandfliesen ausgetauscht und ein Verbindungsgeschoss zum wiedererrichteten Fernbahnhof hergestellt wurde, gehört diese Station definitiv zu den schönsten U-Bahnhöfen Berlins! Und wer gerne vergleicht, sollte sich auch den U8-Bahnhof Alexanderplatz anschauen – er ähnelt gestalterisch dem U-Bahnhof Gesundbrunnen.

Pankstraße: Bunker-Atmosphäre

Quelle: Phaeton1/wikimedia CommonsAlles an diesem Bahnhof atmet den Geist der Siebziger. Die besonders schmutzanfälligen Aluminiumplatten im Zwischengeschoss und rund um die Mittelstützen, die braunen Wandfliesen, die Schrifttype des orthographisch falsch mit “ss” geschriebenen Bahnhofsnamens… Endgültig als Kind des Kalten Krieges outet sich dann aber die weitere Funktion der 1977 eröffneten Station: sie könnte nämlich strahlungssicher verschlossen werden und als Schutzraum für 3.300 Menschen dienen! Diese würden dann bis zu 14 Tage im U-Bahnhof ausharren können.

Osloer Straße – Holzhammermethode

Quelle: IngolfBLN/flickrKurios ist, dass dieser Umsteigebahnhof 1976/77 als Endstation gleich zweier Linien gebaut wurde, für die U9 und anfangs auch für die U8 war hier erst mal Schluss. Der gestalterische Bezug auf den Bahnhofsnamen erfolgte auf beiden Bahnsteigebenen mit der Holzhammermethode – so wird die blau-rote Flagge Norwegens in besonders großformatiger und sich wiederholender Form als Wanddekoration repliziert. Auf den Bahnsteigen sind die Fliesen, logisch, auch rot oder blau. Alles ist irgendwie klaustrophobisch eng, auch das Umsteigen erfolgt über eher verwinkelte Treppenhäuser oder enge Rolltreppenschächte – und das, obwohl der Bahnhof doch von vornherein als Umsteigebahnhof konzipiert war, bei dem sich die beiden Linien nahezu rechtwinklig kreuzen. Die Verteilerebene unter der Straße mit vielen Zugängen ist dafür umso großzügiger gestaltet – hier herrscht meistens eine großes Gewusel in alle mögliche Richtungen.

Tolle Bilder von den Berliner U-Bahnhöfen gibt es auf der Seite endbahnhof.tumblr.com der Neu-Weddingerin Kate Seabrook.

Hier noch mal ein Verweis auf den ersten Teil

“aroshi”: Wedding hautnah

Anke Rommel

Anke Rommel vor dem “Salon Orchidee”

„Leo“, „Mensa“, „Luftschloss“ sind drei von zehn Motivnamen des Modelabels „aroshi“. Die Skizzen zeigen mit wenigen Strichen das Besondere eines Ortes.

Sie werden auf ökofaire T-Shirts, Tops und Hoodies gedruckt, überwiegend im Online-Shop aroshi.de und in mehreren Läden, auch außerhalb von Berlin, verkauft. Diese speziellen Blicke auf Wedding oder Berlin-Mitte sind das Besondere des Labels. Mit der sicheren Hand einer Architektin und Innenarchitektin zeichnet Anke Rommel, die Inhaberin von aroshi, eine persönliche Momentaufnahme des jeweiligen Ortes. „Manchmal raten die Leute vor den Shirts rum: Kennste das? Kommt mir bekannt vor, aber wo is’n das?”, lacht die Designerin. Das Erkennen der urbanen Skizzen ist gar nicht nötig. Die Motive und Farbkombinationen sollen einfach gefallen. Wenn allerdings jemand tiefer in die Herkunft eines der zehn Motivs einsteigen will, kann er sich zur Not auf der Website über die realen Orte der Motive informieren. Die Fotos und Texte bieten auch Anreize, sich im Wedding oder in Mitte mal genauer umzusehen.

Der „einprägsame Ort“

Anke Rommel, die selbst im Wedding wohnt und arbeitet, hat bei ihrer Arbeit als Planerin mit dieser Art von Zeichnungen ein Projekt angefangen. Jetzt sind sie das Resultat von Ortsbegehungen, von erkannten Strukturen, vom Gefühl für Raum, vielen Fotos, Handskizzen und Computerzeichnungen. „Das weniger Schöne eines Ortes blende ich aus, reduziere die städtische Atmosphären auf markante Linien und wähle zwei oder drei Farben zur Betonung oder um Gegensätze zu markieren“, erläutert sie.

Ihr kommt es auf die Perspektive an. Das Motiv „Leo“ aus der Serie „Der Wedding zieht an!“ zeigt die Alte Nazarethkirche am Leopoldplatz, umrahmt von grünen Wellen und hellgrauen Linien, die Baumkronen und Wegführungen symbolisieren. Ein kleines, feines Detail ist der angedeutete Adorant, eine Bronzeskulptur, die in der realen Welt kaum beachtet wird. Die Perspektive des „Luftschlosses“ aus der Serie „Ab durch Mitte!“ wird es so wie im aroshi-Motiv nicht mehr lange geben. Es zeigt den enormen Freiraum, der nach dem Abriss des Palasts der Republik entstanden ist und durch den Aufbau des Humboldt-Forums langsam verschwinden wird. Auch das Vergängliche gehört dazu: „In Berlin ist immer noch viel im Umbruch. Das freie Panorama vom Dom über den Fernsehturm bis zum Marstall ist irgendwann Geschichte. Genau wie der runde Brunnen auf dem Leo, der ja bald durch eine bodengleiche Wasserfläche ersetzt wird. Die Motiv-Shirts haben also auch einen dokumentarischen Aspekt“, stellt Anke Rommel fest.

„Öko“ ist Bedingung

aroshi-Kleidung in einem zwischengenutzten Ladenlokal im WeddingDie ökologische Ausrichtung ist eine wichtige Grundlage bei der Auswahl von Shirttypen. Mindestanforderung des Labels aroshi sind Öko-Tex und Fair Wear-Zertifizierungen der Hersteller. Baumwolle, BioBaumwolle, Bambus- und Eukalyptusfaser sind die Materialien, aus denen die aktuellen Shirts gefertigt wurden. Die Preisunterschiede zu nicht zertifizierten Shirts mit der gleichen Verarbeitungsqualität fallen kaum ins Gewicht. Unterschieden wird nicht in Damen und Herren, wie die Hersteller es vorgeben, sondern in tailliert und gerade geschnitten. „Weil wir auf Märkten die Erfahrung gemacht haben, dass ältere Frauen schon mal fragend Ihre Begleitung angucken, ob denn das sogenannte Herren-Shirt, welches ausgezeichnet saß, auch was für sie sei”,“ erzählt die Labelinhaberin. “Auch schlanke, nicht so große Herren, denen das das Herren-Shirt in S nicht passte, dafür das Damen-Shirt in Größe L, guckten schon mal leicht verlegen umher. Also keine Diskriminierung per Wortwahl!“ Auf der Website stehen alle Informationen über die Shirt-Qualitäten auf Deutsch und Englisch. Die Hangtags, die kleine Infoschilder an den Shirts, beschreiben kurz das Motiv auf Englisch, Deutsch und Türkisch.

Aktiv vor Ort

T-Shirts mit WeddingmotivenIn der neuen StandortGemeinschaft e.V. ist die Weddingerin als Gründungsmitglied tätig und für die Arbeitsgruppe Gewerberaumentwicklung zuständig. Außerdem stellte sie 2012 a-dding.de, die Plattform zur Zwischennutzung leerstehender Läden online und arbeitet dafür ohne Honorar. Die Teilnahme an verschiedenen Berliner Märkten hatten ihr zwar Spaß gemacht, der Zeit-Nutzen-Effekt schien jedoch verbesserungsbedürftig. „Leere Läden gehen mir als Architektin und Anwohnerin schlicht auf den Keks, das ist verschenktes Potential für die Besitzer und für mögliche Zwischennutzer. Für die Anwohner ist das sowieso unattraktiv“, bemängelt Anke Rommel. In der Transvaalstraße 13 ist sie, zusammen mit drei Kolleginnen, zum zweiten Mal selber Nutzerin und zwar in einem ehemaligen Frisörsalon. Im „Salon Orchidee“ gibt es genug Platz um die ca. 80 Shirt-Motiv-Kombinationen von aroshi und die Modeunikate von °zeuiks und strickdesign maria stieger auszustellen. Die Öffnungszeiten werden untereinander aufgeteilt, genau wie die Organisation von Lesungen, Vernissagen und anderen Aktionen. Produkte von Berliner Künstlern, Weddinger Autoren und eine kleine Auswahl an Fair Trade Produkte wie Kaffee, Tee, Zucker sind im ebenfalls Angebot. „Es ist ein kleines Kaufhaus des Weddings geworden!“ freut sich die Architektin „Und natürlich eine gute Gelegenheit, um die aroshi-Shirts mal anzufassen. Die Texte auf der Website beschreiben zwar alles ausführlich, aber ich erlebe immer wieder gerne den Boah-Effekt, wenn jemand die Bambus- oder Eukalyptus-Shirts anfasst und feststellt: Boah, sind die weich!“

Die Öffnungszeiten des Ladens in der Transvaalstraße 13:

Mo – Fr von 16:30 bis 19:00 Uhr.

Weitere Informationen: aroshi.de,

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a-dding.de

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