Getagged: U-Bahn

Leo wird wieder Platz

Die Weddinger haben’s schon gemerkt: Der Leopoldplatz verändert seit 2010 sein Gesicht. Vor Beginn des letzten Bauabschnitts stellte Architekt Frank von Bargen die anstehenden Maßnahmen vor.

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn: die Trinker, die den Platz in den letzten Jahren bevölkerten, sind schon in einen eigenen Bereich hinter der Alten Nazarethkirche nahe der Schulstraße ausgewichen. Diese Zone erhält jetzt endlich eine Überdachung. Aber auch an weniger prominenten Stellen hat sich das Bild des Leopoldplatzes verändert: durch die Anlage des neuen Spielplatzes Burg Leopold, die baumbestandene Promenade an der Nazarethkirchstraße mit Trampolin und Schachbrett sowie die rote „Coladose“ mit dem kleinen Café. Jetzt ist der Platzbereich vor der Alten Nazarethkirche dran: wie die „Berliner Woche“ meldet, wird die 1985 aufgestellte, häufig zugemüllte Steinschale mit Springbrunnen verschwinden. Allzu oft hat die Fontäne ohnehin nicht gesprudelt. Aber keine Sorge: statt dessen soll es dann an 24 Düsen “Wasser marsch” heißen. Auf dem Leo wird es dann ein großflächiges Fontänenfeld geben – eine Art Kinderplanschenersatz mit Bänken. Gut so: denn die werden vom Bezirk fast vollständig weggespart.

1,1 Millionen Euro kosten die Aufwertungsmaßnahmen für den „Leo“ insgesamt. Schließlich ist dieser Platz (der ja eigentlich eine langgezogene Grünanlage ist), die einzige Stelle im Wedding, die man als das Zentrum des Ortsteils bezeichnen könnte. Durch die Kreuzung wichtiger Straßen und U-Bahn-Linien sowie dank des Karstadt-Warenhauses kommen hier auch viele Besucher erstmals mit dem Wedding in Kontakt. Da kann das Erscheinungsbild des Platzes doch sehr imageprägend wirken.

Fazit: Diese Maßnahmen kommen genau zur rechten Zeit. Es wird Zeit, dass dieser Platz nicht nur von Menschen “frequentiert” wird, die ihn benutzen müssen. Die Anlage dieses zentralen Punktes sollte auf jeden Fall auch Lust darauf machen, sich länger als unbedingt nötig dort aufzuhalten…

Türkisch einkaufen vom Feinsten

Shopping de luxe für türkischstämmige Berliner

Müllerstraße Türkenstraße

Müllerstraße Türkenstraße

An der oberen Müllerstraße ist derzeit ein Verlust an alteingessenen Fachgeschäften zu beklagen. Bis zur Gesetzesnovelle im Jahr 2011 sind auch noch viele neue Automatencasinos hinzugekommen. Wie sich die Schließung der Weddinger C&A-Filiale auf das Gesamtgefüge „Geschäftsstraße Müllerstraße“ auswirkt, steht noch in den Sternen. Doch nicht nur Niedergang, sondern ein Wandel ist zu beobachten: Fast unbemerkt hat sich inzwischen der Bereich rund um die Kreuzung Seestraße zu einem Eldorado für Käufer entwickelt, die Qualitätswaren aus der Türkei zu schätzen wissen. Und das dürften wohl in erster Linie die Weddinger mit türkischem Migrationshintergrund sein….

Friedhof und Schillerparkcenter

Friedhof und Schillerparkcenter

Wer meint, dass es sich bei türkischen Waren nur um Döner und typische Gemüsesorten handeln kann, liegt falsch: mitten im Wedding werden inzwischen auch hohe Ansprüche an türkische Qualitätsprodukte bedient. Wer türkisch heiraten will und eine Aussteuer braucht, wird garantiert rund um das Schillerparkcenter fündig. Südlich der Ecke Müllerstraße/Seestraße kann man auch noch sehr authentisch türkisch frühstücken (“Simit Evi“, Müllerstr. 147) oder zu Mittag essen (Çarik Kuruyemiş, Müllerstr. 39, gebrannte Kerne und Nüsse, Restaurant-Café).

TURQUAZ Home Collection: Porzellanladen

TURQUAZ Home Collection: Porzellanladen

Porzellanladen & Brautmoden…

HANLI Collection - Türkische Brautmoden

HANLI Collection - Türkische Brautmoden

In der türkischen Kultur spielt die Hochzeit immer noch eine herausragende Rolle. Neben der Ausrichtung der Feierleichkeiten selbst sammeln Mädchen und junge Frauen immer noch für ihre Aussteuer – ein Brauch, der in Deutschland weitgehend ausgestorben ist. Passenderweise kann man sich im Wedding (englisch für “Hochzeit”) mit entsprechenden Gegenständen ausstatten. Fündig wird die angehende Braut mit Sicherheit beim Brautmodenladen HANLI Collection, Müllerstr. 132. An der Müllerstr. 121/Ecke Transvaalstraße gibt es mit DILEK Collection ein weiteres Brautmodengeschäft. In der Türkei sind die Keramik und das Porzellan aus Kühtahya sehr bekannt. Bei Turquaz Home Collection in der Müllerstr. 47 (Schillerpark-Center) gibt es eine große Auswahl an original türkischen Qualitätsprodukten direkt vom Hersteller. Wem das Porzellan nicht gefällt, kann es ja bei einem deutschen Polterabend gleich wieder zerschmettern. Türkische Bettwaren und Betten sind gleich gegenüber bei Yatas Bedding, Müllerstr. 131, erhältlich. Doch man muss ja nicht nur das Haupt betten. Dass sich der türkische Möbelgeschmack unterscheidet, kann man im Möbelgeschäft EVKUR in der Ungarnstraße (ebenfalls im Schillerpark-Center)  erleben. Und das neue Einrichtungshaus MÖBELTOWN in der Turiner Straße 25 ist der Beweis, dass sich das Ganze auch an deutsche Kunden richten kann.

Zwischen Leopoldplatz und Osramhöfen: Städtische Qualität

Neue und alte Nazarethkirche direkt hintereinander

_______________________________________________________________________

vom Verkehr umtoste StatueDas namenlose Viertel zwischen dem Leopoldplatz, der Müllerstraße, der Seestraße und der Reinickendorfer Straße besitzt von allen Weddinger Kiezen mit die geschlossenste Bebauung aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die in ein Gewerbe- und Bürozentrum umfunktionierten Osram-Höfe, einst Europas größte Glühlampenfabrik (erbaut 1904-1910), schließen das Viertel nach Norden hin ab.

Die Mischung macht’s zwischen Leo und Seestraße

In den ruhigeren Seitenstraßen ebbt der Verkehrslärm langsam ab. Originell ist die Malplaquetstraße, an der die unterschiedlich ausgerichteten Querstraßen in einem anderen Winkel abknicken und dreieckige Plätze ausbilden. Interessant ist auch die Liebenwalder Straße mit dem ältesten Haus im Kiez aus dem Jahr 1875 (Hausnummer 2-3), das auch über Wirtschaftsgebäude verfügt.

______________________________________________________________________________________________________________

Das Karl-Schrader-Haus in der Malplaquetstraße

Das Karl-Schrader-Haus in der Malplaquetstraße

Das Viertel im Schatten des fast 80 Meter hohen Turms der Neuen Nazarethkirche (1891-93 von Max Spitta errichtet) entwickelt sich langsam zu einem dynamischen Kiez mit Cafés, Restaurants und Geschäften für den nicht alltäglichen Bedarf. Gleichwohl gibt es immer noch viele türkische Kulturvereine und ganz normale Geschäfte. An einem verkehrsberuhigten dreieckigen Platz mit einer historischen Wasserpumpe, im Eckhaus der genossenschaftlichen Wohnanlage “Karl-Schrader-Haus” (1904-06), befindet sich mit dem Schrader’s ein gastronomischer Pionier im Wedding: ein ambitioniertes Café-Restaurant, das auch viele Stammgäste aus anderen Stadtteilen anzieht. Aber auch im weiteren Verlauf der Malplaquetstraße oder der Nazarethkirchstraße am Leopoldplatz ballen sich neuerdings Tagescafés, Restaurants und originelle Läden.

Typisch für das dicht besiedelte Viertel ist die funktionierende Mischung – großstädtisch, (noch) nicht überdreht, multikulti und trotzdem an manchen Stellen fast schon dörflich. Vielen Kiezen in Berlin ist diese Zusammenstellung, wenn sie sie denn je hatten, irgendwann in den letzten Jahren verlorengegangen. Nicht so in den Straßenzügen zwischen Osram-Höfen und Leopoldplatz, wo es jede Menge Altbauwohnungen gibt, die meisten noch einigermaßen bezahlbar.

Kein Mangel an Kultur, nur an Grün

Vor der Erika-Mann-Schule

Vor der Erika-Mann-Schule

Kulturell ist der Kiez ebenfalls im Aufwind. Die Lesebühne Brauseboys und der Kulturverein Mastul e.V. müssen in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Sogar die Grundschule im Kiez, die Erika-Mann-Schule, geht ihre Lage mitten im sozial schwierigen Umfeld mit einem innovativen Schulkonzept und einer von Designern gestalteten Inneneinrichtung offensiv an. Zahlreiche kleine Galerien kommen und gehen in den vielen Ladengeschäften, die ein solches Altbauviertel nun mal zuhauf besitzt.

Nur an Grün mangelt es dem sehr großstädtischen Gebiet. Der nahe gelegene Schillerpark bietet sich an, aber dafür muss die verkehrsreiche breite Seestraße überwunden werden. Im Süden bietet der langgestreckte Leopoldplatz eine Alternative, doch durch die vielfältigen Nutzungen der Freifläche bleibt dort wenig Raum für Grünes. Dafür gibt es neue Spielplätze, Promenaden und die zwei Nazarethkirchen, von denen die neuere Kirche mit ihrem hohen Turm den Platz beherrscht. In den letzten Jahren ist dieser Stadtraum durch eine Ballung von gesellschaftlichen Randgruppen in Verruf geraten, doch ein Platzmanagement hat zu ersten Erfolgen geführt. Wenn man sich wieder gerne auf dem wichtigsten Platz des Wedding aufhalten mag, werden hoffentlich auch die angrenzenden Quartiere profitieren.

Und wen es woanders hinzieht – keine andere Stelle im Wedding bietet so gute Verkehrsanbindungen mit der BVG. Die Kreuzung zweier U-Bahn-Linien am Leopoldplatz, die Straßenbahn Richtung Prenzlauer Berg und viele Buslinien machen’s möglich. Aber eigentlich gibt es in diesem Viertel fast alles, was zum Leben in der Großstadt gehört.

Die Amsterdamer Straße

Die Amsterdamer Straße



Müllerstraße: Großer Boulevard mit Lackschäden

An der Müllerstraße ist der Lack ab

Urbane Hauptschlagader: Die Müllerstraße

Urbane Hauptschlagader: Die Müllerstraße

Die Müllerstraße, die über drei Kilometer lange, unangefochtene Hauptschlagader des Wedding, besitzt noch die Breite eines richtigen Boulevards. Ihr bescheidener Anfang als Sandpiste zwischen Tegel und Berlin ist ihr nicht mehr anzusehen. Wie andere Magistralen anderer Weltstädte führt sie schnurgerade aus den  Vororten direkt ins Herz der Innenstadt. Die Namen ihrer Verlängerungen, Chausseestraße und Friedrichstraße, haben auch überregional einen guten Klang. Unter dem Asphalt befördert die U-Bahn Pendler und Touristen in die City und wieder heraus. An der Seestraße und am Leopoldplatz ist zu jeder Tageszeit etwas los, und auch diese Kreuzungen liegen an der Müllerstraße. Verschwunden sind die Windmühlen, die ihr den etwas banal klingenden Namen gaben. Aber auch die Zeiten, in denen Tausende hier auf dem “Ku’damm des Nordens” entlangbummelten und einkauften, sind längst vorbei. Fachgeschäfte und Kaufhäuser waren bis in die 1990er Jahre das, was heute die Shoppingcenter am Gesundbrunnen und in Tegel darstellen – und der Müllerstraße heute an Kaufkraft abziehen. Nur dass eine sich ständig wandelnde Einkaufsstraße unter freiem Himmel, zumal mit tosendem Verkehr, um Längen urbaner ist als Einkaufszentren, die überall auf der Welt gleich aussehen. In die leer stehenden Geschäfte mit einst klangvollen Namen sind viele türkische Spezialitätenläden, aber auch Spielcasinos und Ein-Euro-Geschäfte gezogen. Einige wenige Leuchttürme sind aber geblieben, darunter die Karstadt-Filiale direkt am Leopoldplatz.

Ganz unten: die südliche Müllerstraße

Die St. Josephkirche zwischen der Lynar- und der Triftstraße

Die St. Josephkirche zwischen der Lynar- und der Triftstraße

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Der herbe Charme der südlichen Müllerstraße

Der herbe Charme der südlichen Müllerstraße

___________________________________________________________________________________

An der Müllerstraße reihen sich die wenigen Sehenswürdigkeiten, die der Wedding besitzt, wie auf einer Perlenkette aneinander. Hat man den Industriestandort Bayer an der Ecke Fennstraße und den Ringbahnhof Wedding hinter sich gelassen, geht in der Häuserfront die in der rheinischen Romanik gestaltete St.Josephkirche, neben der Zentrale der Berliner SPD, beinahe unter. Die gegenüber liegende Agentur für Arbeit, ein schöner 50er-Jahre-Bau, ist da ein wesentlich markanteres Gebäude. Viel ist im Zweiten Weltkrieg von der gründerzeitlichen Bebauung nicht stehengeblieben.

Richtig geschäftig wird es wieder am Leopoldplatz. Gleich zwei Nazarethkirchen gibt es dort – die alte, schlichte turmlose Kirche noch von Schinkel im Jahr 1835 erbaut, die neue, protzig-höhere Kirche aus dem Jahr 1893 , gleich dahinter. Der vor den Kirchen liegende Platz ist Standort des ältesten Ökomarkts Berlins. Doch die Grünanlage, die sich einen halben Kilometer lang in nordöstlicher Richtung an den Platz anschließt, heißt ebenfalls Leopoldplatz und ist die grüne Lunge für mehrere Nachbarviertel. Mit neuen Spielplätzen und einer landschaftsgärtnerischen Gestaltung wird der Leopoldplatz derzeit aufgewertet. Doch auch gesellschaftliche Randgruppen, wie die Trinkerszene, finden einen Platz auf dem ausgedehnten Gelände.

Auf der westlichen Seite der Müllerstraße erkennt man hinter einem kleinen Vorplatz den Neubau des “Rathaus Wedding“, einen – typisch für die Zeit – schlichten Betonbau. Das an der Straße gelegene Backsteingebäude des Rathauses aus den 1920ern besitzt ebenfalls eine schlichte Eleganz. Der Abschnitt zwischen dem Leopoldplatz und der Seestraße ist unbestritten das lebendigste Teilstück der Straße. Viele Geschäfte, ein kleines Einkaufszentrum und einige bekannte Filialisten – von denen einer nur zufällig “Drogerie Müller” heißt – prägen hier das äußerst urbane Bild. An der Seestraße kreuzt nicht nur der zur Autobahn führende Straßenring um die Innenstadt, sondern auch die bislang einzige Straßenbahnstrecke im alten West-Berlin. Hier befindet sich auch das Kino Alhambra, heute ein modernes Multiplex-Filmtheater, das aber auf eine lange Geschichte zurückblickt.

Eine Straße als Sanierungsfall

Klassische 1920er Jahre am Rathaus-Altbau

Klassische 1920er Jahre am Rathaus-Altbau

Auch der oberflächliche Besucher von Weddings Boulevard merkt schnell: Der Lack ist ab. Die Müllerstraße hat zwar eine fantastische Lage in der nördlichen Innenstadt, mit einer herausragend guten Verkehrsanbindung in Autobahnnähe, mehreren U-Bahn-, Straßenbahn- und Buslinien.

Jedoch ist es an der Zeit, die Attraktivität der Straße zu erhöhen. Mit dem Programm “Aktives Zentrum Müllerstraße” versuchen der Bund und das Land zu retten, was zu retten ist. Seit 2011 ist die Müllerstraße Berlins größtes Sanierungsgebiet. Jetzt heißt es wegkommen von der 1970er-Jahre-Optik mit sperrigen Geländern in der betongesäumten Straßenmitte, Zementkübeln auf dem Gehweg und den plumpen Peitschenlampen. Ein Geschäftsstraßenmanagement soll die verbliebenen Einzelhändler miteinander vernetzen und Entwicklungen steuern. Radspuren sollen den Oberflächenverkehr entzerren, während die Gehsteige mit einer attraktiveren Gestaltung zur Erhöhung der “Verweildauer” potenzieller Kunden einladen sollen. Dass sich auch die Schaufenster wieder mit attraktiven Waren füllen, kann aber auch das beste Management nicht erzwingen.

Im Norden geht die Müllerstraße auch bergab

Tristesse in grau: die Müllerhalle

Tristesse in grau: die Müllerhalle

Die U-Bahn-Hauptwerkstatt Seestraße

Die U-Bahn-Hauptwerkstatt Seestraße

 

Die Ecke schlechthin, mit dem Kino Alhambra

Die Ecke schlechthin, mit dem Kino Alhambra

In Richtung Norden steigt die Müllerstraße aus dem “tiefen Wedding” in etwas bürgerlichere Gefilde. Gleich zwischen zwei großen Parks verläuft die Ausfallstraße hier. Einige pompöse Eckhäuser aus der Kaiserzeit mit Erkern und Türmchen bezeugen die aufstrebenden Pläne, die man mit dieser Gegend am Rand der alten Stadt Berlin hatte. Auf der westlichen Seite liegt das Afrikanische Viertel,das auf der östlichen Seite liegende Gebiet zum Schillerpark hin ist das Englische Viertel. Heute ist aber auch hier die lokale Geschäftsvielfalt bedroht. Einst ein kleines Nahversorgungszentrum, ist die “Müllerhalle” nur noch ein Abklatsch der einst lebendigen Markthalle. Einige wenige Händler harren in der halb leeren dunklen Halle aus und warten auf Kundschaft. In diesem Gebiet grenzt die Müllerstraße an ruhige Wohngebiete in Parknähe. Nur hinter dem Häuserblock Ungarn-, Edinburger-, Türken- und Müllerstraße versteckt sich eine riesige U-Bahn-Hauptwerkstatt aus den 1920er Jahren. Einige hundert Meter weiter nördlich befindet sich zudem ein BVG-Busbetriebshof mit sehr origineller expressionistischer Architektur, die ehemalige “Straßenbahnstadt”. Hier, kurz vor der Bezirksgrenze zu Reinickendorf, steht auch ein kleiner Eiffelturm – vor dem Centre Francais, einem 1961 errichteten französischen Kulturzentrum.

Und noch etwas ganz Besonderes verbirgt sich 200 Meter östlich der Müllerstraße: hinter dem lang gezogenen Schillerpark befindet sich mit der gleichnamigen Wohnanlage eine holländisch anmutende Siedlung der Moderne aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Seit 2008 besitzt das von Architekt Bruno Taut entworfene Ensemble sogar den Status “Weltkulturerbe“, den es mit fünf weiteren Siedlungen in Berlin teilt.

Unbestritten ist die Funktion der Müllerstraße als Verkehrsschneise durch den Wedding. Sie wird – auch zum Einkaufen – immer noch gebraucht, aber richtig gerne hält man sich nicht an ihr auf. Das schmälert keineswegs die Attraktivität der unmittelbar angrenzenden Viertel. Die Müllerstraße ist also ein wenig geliebtes verbindendes Element der Weddinger Kieze. Aber sie steht nicht für das weddingtypische Lebensgefühl – das findet man eher, wenn man die Müllerstraße in eine ihrer Seitenstraßen verlässt.

Daten zur Müllerstraße:

- Länge: 3,5 Kilometer

- Seit 1800 ist die Müllerstraße eine angelegte Straße. Sie führt unter anderen Namen in beiden Richtungen weiter.

- 1861 werden Wedding und Gesundbrunnen nach Berlin eingemeindet. Ab 1920 bildet der Wedding einen eigenen Bezirk in Groß-Berlin. 2001 werden Tiergarten und Wedding mit Mitte zum neuen Großbezirk Mitte zusammengefasst.

- 1907 eröffnen die Pharus-Säle in der Hausnummer 142.

- ab 1945 gehört der Wedding zum französischen Sektor von Berlin. Die französische Besatzungsmacht eröffnet 1961 das Centre Francais in der Hausnummer 74, ein Kultur- und Begegnungszentrum mit Kino und Hotel

- 2011 wird die Müllerstraße zum Sanierungsgebiet

- 2011 erscheint die Sonderpublikation “Die Müllerstraße”, herausgegeben vom Bezirksamt Mitte, vom Redaktionsteam der Zeitschrift “Der Wedding

Rezension der Zeitschrift “Die Müllerstraße”

Gewalt in der U-Bahn: Endstation

Nahezu täglich liest man von Gewalt, Pöbelei oder verbalen Angriffen in der Berliner U-Bahn. Jüngstes Beispiel aus dem Wedding: In der Nacht zu Samstag schlug ein 24-Jähriger einen 59-jährigen Fahrgast am U-Bahnhof Osloer Straße mit einer vollen Bierflasche über den Kopf und verletzte ihn, berichtet der Tagesspiegel. Der 59-Jährige hatte den Angreifer und seine beiden Begleiter laut Polizei zuvor aufgefordert, rassistische Bemerkungen über dunkelhäutige Fahrgäste zu unterlassen. Als alle an der Endstation der U 9 Osloer Straße ausstiegen, beschimpften ihn das Trio zunächst. Dann schlug der 24-Jährige mit der Bierflasche zu. Andere Fahrgäste hielten den Angreifer bis zum Eintreffen der Polizei fest. Die Beamten nahmen ihn fest, aber seine beiden Begleiter flüchteten. Der Verletzte musste ambulant in einer Klinik behandelt werden. Immerhin: es gibt doch so etwas wie Zivilcourage. Und auch die anderen Fahrgäste haben diesmal eingegriffen und die Festnahme eines Täters erst ermöglicht.

Englisches Viertel: Grün mit Weltkulturerbe

Wichtigstes Gestaltungselement: Putz und Backstein im Wechsel

Von allen Weddinger Vierteln ist das Gebiet zwischen Müllerstraße, Seestraße und dem Bezirk Reinickendorf das vielleicht unauffälligste. Hier wird in erster Linie “nur” gewohnt, und das meist ruhig. Industrie und Kaufhäuser sucht man hier vergebens, nur die BVG-Betriebshöfe und ein großes Frei-und Hallenbad sorgen dafür, dass das Englische Viertel kein reines Wohngebiet ist. Natürlich zieht auch der knapp 30 Hetar große Schillerpark Erholungssuchende aus anderen Vierteln an.

Englische Namen, holländische Backsteinarchitektur

Hier wird der Wedding immer vorstädtischer, je weiter man nach Norden kommt. Als die U-Bahn 1923 bis zum Bahnhof Seestraße in Betrieb genommen wurde, lag die Hauptwerkstatt an der Müllerstraße/Ungarnstraße/Edinburger Str. noch am Stadtrand. Um die Werkstatt herum wurde der Block mit Werkswohnungen bebaut. Die an der Edinburger Straße seit 1909/10 befindliche Feuerwache (übrigens die erste, die für motorgetriebene Löschfahrzeuge ausgelegt war) wurde in den Komplex integriert. Auch das Paul-Gerhardt-Stift von 1886 wurde Teil eines Blocks des rasch wachsenden Englischen Viertels. Aus der früheren Diakonissenanstalt mit Krankenhaus hat sich ein Gesundheitszentrum mit Altenheim entwickelt. Die ansprechenden Backsteingebäude und die verträumten grüne Höfe haben indes nichts von ihrem Charme verloren.

In der Glasgower Straße

In der Glasgower Straße

In den Straßen mit den Namen englischer, irischer und schottischer Städte vermitteln die Häuser mit ihren Backsteinfassaden fast schon einen holländischen Charakter. Die 1927-30 errichtete Großsiedlung mit 800 Wohnungen war die erste Berliner Wohnanlage mit Fernwärmeanschluss. Der benachbarte Schillerpark (1909-13) mit seiner im Jahr 2011 wiederhergestellten Kinderplansche und einem neuen Café im früheren Toilettenhäuschen gibt dem Viertel noch dazu eine grüne Note. Der Park wird allerdings durch die von Autos befahrene Barfusstraße in zwei Teile getrennt. Der nördliche Teil hat eher den Charakter eines hügeligen Landschaftsparks, während der südliche Teil von einem bastionartigen Terrassenbau mit Schillerdenkmal und einer riesigen quadratischen Wiese dominiert wird. Diese ist von vornherein für den Breitensport vorgesehen gewesen und wird häufig von Amateurfußballgruppen genutzt.

 

Schillerpark-Siedlung mit Info-Stele

Schillerpark-Siedlung mit Info-Stele

Eine zuvor wenig bekannte Wohnanlage aus den Jahren 1924-30 am Nordostrand des Schillerparks hat es – gemeinsam mit anderen Siedlungen der Berliner Moderne – im Jahr 2008  zum Titel “Weltkulturerbe” gebracht. Erbaut von den berühmten Architekten Max und Bruno Taut, wurden hier erstmals Prinzipien umgesetzt, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Für die damalige Zeit aber waren die offene Blockrandbebauung, die grünen Innenhöfe, die Flachdächer und die Fassadengestaltung im schlichten Wechsel von Putz und Backstein geradezu revolutionär. In den 1950er Jahren wurden einige Gebäude in der Siedlung Schillerpark ergänzt, ohne dass dadurch der Gesamtcharakter der Anlage beeinträchtigt wird.

Französisch wird es aber auch….

Ein Mini-Eiffelturm vor dem Centre Francais

Ein Mini-Eiffelturm vor dem Centre Francais

Wedding und Reinickendorf bildeten von 1945 – 90 den französischen Sektor in Berlin. Als kulturelles Zentrum für die französischen Streitkräfte, aber auch als Ort der Begegnung der Berlin mit französischer Kultur und Lebensart wurde 1961 das Centre Culturel Français an der Müllerstraße 74 errichtet. Das moderne Gebäude wird heute als Hotel, Brasserie und Kino genutzt. Fast schon am nördlichen Ende der Müllerstraße und somit auch an der Grenze des Wedding zieht ein kleiner Eiffelturm die Blicke auf sich und verweist auf das etwas zurückgesetzt liegende Centre Culturel. Vom englischen Viertel selbst ist die Bastion französischer Kultur allerdings durch den Domkirchhof II und eine Grünanlage getrennt…

Busbetriebshof Müllerstraße

Busbetriebshof Müllerstraße

Mit der 1925-27 gebauten “Straßenbahnstadt” des Architekten Jean Krämer verfügt das Englische Viertel noch über ein weiteres Juwel. Der heute von der BVG als Busbetriebshof Müllerstraße genutzte Komplex mit Werkstatt und Werkswohnungen besticht durch seine expressionistische Formensprache. Insbesondere die beiden Turmgebäude, die die Einfahrt flankieren und die Symmetrie betonen, prägen das Straßenbild an diesem Teil der Müllerstraße.

Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung

Typische Hofseite eines Wohngebäudes der Schillerpark-Siedlung

Karte des Englischen Viertels in Berlin-Wedding

Bahnhofseingang nähert sich Vollendung

Eingang Otawistraße/Müllerstraße des U-Bahnhofs Rehberge

Eingang Otawistraße/Müllerstraße des U-Bahnhofs Rehberge

Bald sind beide Eingänge zum U-Bahnhof Rehberge (U 6) an der Otawi-/Müller-/Schöningstraße fertiggestellt. Der westliche Zugang wird noch bis Ende Juli 2011 von der BVG neu saniert und praktisch neu errichtet. Die Zwischenebene erstrahlt schon in neuen Mosaikfliesen. Mit dem historischen Farbmuster aus dem Jahr 1956 haben die schicken blau-grün-grauen Fliesen leider nichts mehr gemeinsam. Ursprünglich waren sie nämlich cremefarben mit petrolfarbigen Einsprengseln. Nur am nördlichen Zugang, der ebenfalls bald saniert werden soll, ist dieses Muster noch in Teilen erkennbar.