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Das war 2011 im Wedding

Seit 150 Jahren, also seit 1861, gehört der Wedding zur Stadt Berlin. Gesichtslos und belanglos ist der Wedding dadurch nicht geworden: Noch immer kennzeichnen den Ortsteil einige Besonderheiten, die ihn im Berliner Stadtraum von anderen Bezirken unterscheiden.

Im Jahr 2011 zeichneten sich einige Veränderungsprozesse in Berlin-Wedding ab. Die Müllerstraße steht durch das Programm “Aktive Stadtzentren” im Fokus der Stadt- und Verkehrsplaner. Mit einem Geschäftsstraßenmanagement wird versucht, den schleichenden Niedergang der Straße, der sich auch 2011 fortgesetzt hat, aufzuhalten. Außerdem soll die Attraktivität der Müllerstraße als Einkaufsstraße erhöht werden. Die Betonkübel sind schon verschwunden. Die ersten Umbaumaßnahmen im Straßenverkehr werden 2012 starten, allerdings nur im Bereich der südlichen Müllerstraße. Immerhin: die Firma Karstadt ist gerettet, und auch der Standort am Leopoldplatz soll nicht geschlossen werden. Das C&A-Kaufhaus hingegen hat nach 32 Jahren geschlossen – mit noch nicht absehbaren Folgen für die übrige Geschäftswelt im Wedding. Auch der Umbau des Leopoldplatzes schreitet voran: die Trinkerszene wurde in einen sichtgeschützten Bereich zwischen den beiden Kirchen verlagert. Promenaden und Spielplätze haben eine Runderneuerung erfahren.

Im September fand das erste Wedding-Kulturfestival statt. Ein ganzes Wochenende lang konnten Einwohner und Besucher die ganze kulturelle Vielfalt des Ortsteils kennenlernen.

Schlagzeilen hat der Schillerpark im Jahr 2011 gemacht: im August explodierte eine Rohrbombe in einer Plastiktüte und verletzte einen Spaziergänger schwer. Sechs Wochen später wurde ein 44-jähriger dringend Tatverdächtiger aus dem Wedding festgenommen, der auch weitere Sprengsätze im Ortsteil gelegt haben soll. Positiv fiel der Schillerpark auch auf: im September wurde die Kinderplansche im neu wiederhergestellten Nordostteil des Parks an der Bristolstraße eingeweiht.Das Weltkulturerbe Siedlung Schillerpark hat nicht nur ein würdigeres Entrée, sondern endlich auch Gastronomie bekommen: im ehemaligen Toilettenhäuschen an der Dubliner Straße befindet sich jetzt ein Park-Café.

Zu erwähnen ist noch, dass in diesem Jahr die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte neu gewählt wurde. Der bisherige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke von der SPD ist auch der neue – er wurde mit den Stimmen der CDU wiedergewählt.

Sprengelkiez: schöner wohnen am Kanal

Der Pekinger Platz am Kanalufer

In einem Ufercafé sitzen oder in einer Hausbrauerei?

Das dicht bebaute Wohnviertel rund um die Sprengel- und die Tegeler Straße verfügt neben einer weitgehend intakten Altbausubstanz aus der Gründerzeit über eine richtige Wasserlage. Im Südwesten des Kiezes verläuft nämlich der Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal. Die ausgebaute Uferpromenade mit ihren repräsentativen Wohnhäusern aus der Zeit um 1900 lädt zu Spaziergängen und zu Cafébesuchen ein. Wie an keiner anderen Stelle im Wedding reihen sich hier gastronomische Betriebe aneinander. Ebenfalls im Sprengelkiez besteht seit ein paar Jahren die einzige Weddinger Hausbrauerei Eschenbräu, wo es im Sommer auch einen kleinen Biergarten im Hinterhof gibt. In den letzten Jahren wurde durch das hiesige Quartiersmanagement viel in die vorhandenen Spielplätze investiert.

Neben dem Sparrplatz und dem Pekinger Platz (am Kanal) ist hier vor allem der Sprengelpark zu nennen. Auf dem 10 000 qm großen ehemaligen Industrieareal zwischen der Kiautschoustraße und der Sprengelstraße haben Landschaftsplaner einen urbanen Sport- und Spielpark mit viel Grün geschaffen.

Im Sprengelkiez und in seiner unmittelbaren Umgebung befinden sich wichtige öffentliche Einrichtungen, deren Bedeutung über den Wedding hinausreicht. Zu nennen ist hier vor allem das Robert-Koch-Institut am Nordufer. Das 1891 gegründete Institut ist die zentrale Überwachungs- und Forschungseinrichtung der Bundesrepublik für Infektionskrankheiten. Es befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rudolf-Virchow-Krankenhaus (heute: Charité Campus Virchow). Die zentrale Berliner Ausländerbehörde befindet sich ebenfalls am Kanalufer, jedoch auf der gegenüberliegenden Seite. Beschäftigte und Studierende der nahe gelegenen Beuth-Hochschuledrücken dem Sprengelkiez ihren Stempel auf. Daher findet man in diesem Kiez eher studentisches Leben und die passende Infrastruktur als in anderen Vierteln im Wedding.

Die Osterkirche

Die Osterkirche

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Am Schiffahrtskanal

Am Schiffahrtskanal

Sehenswertes am Nordufer und im Kiez

Da das Industriegelände an der Sprengelstraße erst am Ende des 19. Jahrhunderts aufgegeben wurde, konnte sich der westliche Teil des Kiezes am Nordufer erst um 1900 herum entwickeln. Die repräsentative Wohnanlage zwischen Fehmarner Straße, Nordufer und Buchstraße ist ein besonders gelungenes Beispiel für genossenschaftlichen Reformwohnungsbau. Vor allem die Eckbauten, davon eines sogar mit einem Doppelgiebel, prägen das Kanalufer an diesem Abschnitt. Auch das Eckhaus Torfstraße/Kiautschoustraße ist ein großbürgerlicher Prachtbau, wie es ihn selten im Wedding gibt. Die Osterkirche liegt an der Samoastraße / Sprengelstraße und damit exakt in der Mitte des Sprengelkiezes. Die wuchtige Backsteinkirche ist in die Ecke eines Blocks gebaut und vereint Kirchenschiff, Turm und Pfarrhaus in einem einzigen Gebäude. Das gewölbelose Kircheninnere ist mit prachtvollen Malereien versehen.

Gute Küche in der Torfstraße/Ecke Nordufer

Gute Küche in der Torfstraße/Ecke Nordufer

Der herbe Charme der südlichen Müllerstraße

Der herbe Charme der südlichen Müllerstraße

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Roter Wedding, schlechter Wedding

In Richtung Müllerstraße ist der Kiez von sozialen Problemen geprägt, was auch der Grund für die Einrichtung des Quartiersmanagements Sparrplatz war. Dabei ist genau in dieser Lage mit dem Prime-Time-Theater an der Burgsdorfstraße/Müllerstraße ein kultureller Anziehungspunkt von berlinweiter Relevanz entstanden: dort gibt es eine fortlaufende Seifenoper auf der Bühne namens “Gutes Wedding, schlechtes Wedding”. Doch anders als bei dem vermeintlichen TV-Vorbild gibt es bei diesem Theaterspaß mit Weddinger Originalen echtes Gelächter eines glänzend unterhaltenen Publikums. Direkt nebenan liegt die Berliner SPD-Zentrale (Kurt-Schumacher-Haus) – traditionell eng mit dem “roten Wedding” verbunden.

Bayer im Wedding: Beschäftigtenzahl bleibt stabil

Bayer AG sichert Beschäftigtenzahl am Weddinger Standort bis Ende 2015 zu

Bayer AG im Wedding

Bayer AG im Wedding

Der wichtigste Arbeitgeber im Wedding, die Firma Bayer AG, präzisiert nun für den Standort Berlin, wie sich der angekündigte Abbau von 1700 Arbeitsplätzen in Deutschland  auswirken soll. Das Schicksal des im Bezirk wichtigen Industrieunternehmens hat auch berlinweite Relevanz. Die in der Hauptstadt zentrierte Pharmasparte ist mit rund 5000 Mitarbeitern einer der wichtigsten Industrie-Arbeitgeber der Stadt. Meldungen aus dem letzten Sommer, wonach Bayer auf den aufwändigen Umbau des alten Schering-Geländes in Wedding verzichten werde, sorgten zuletzt für zusätzliche Verunsicherung. Derzeit wolle man seine Ressourcen auf die Entwicklung neuer Medikamente konzentrieren. Das Projekt Pharma Campus wurde zwei Jahre auf Eis gelegt. Beunruhigend ist auch, dass das Unternehmen die Patentrechte für die Verhütungspillen der Yasmin-Produktgruppe verlor – ein Medikament, mit dem Bayer mehr als eine Milliarde Euro Umsatz pro Jahr macht. Mit Verhütungsmitteln ist  Schering einst „groß“ geworden und werden noch immer von Berlin aus vermarktet.

Wenigstens sind die Befürchtungen wegen eines Stellenabbaus hinfällig geworden: Bayer hat eine Vereinbarung verlängert, wonach die Stellen nur durch Fluktuation und Verrentung abgebaut werden. Bis Ende 2015 wird dieser Pakt gelten und dem Pharma-Standort Berlin etwas Luft verschaffen.

 

Schwerpunkt Berlins verschiebt sich – was heißt das für den Wedding?

“Die Schließung des Flughafens Berlin-Tegel verändert das Gravitationsfeld der Stadt”, sagt der SPD-Kommunalpolitiker Ephraim Gothe, der bis zur Wahl Baustadtrat von Berlin-Mitte war. Der Schwerpunkt verschiebt sich in Richtung historischer Mitte, wo mit dem BND-Neubau ein gewaltiges Bauvorhaben realisiert wird. Auch im Südosten, in Adlershof und rund um den neuen Flughafen in Schönefeld, ist ein Schwerpunkt großer Investitionsvorhaben. “Dem Berliner Norden droht ein Bedeutungsverlust”, warnt Gothe. Die Nachnutzung des alten Flughafens Tegel sei für Wedding besonders wichtig – darum dürfe man nicht nichts tun und einfach Ruhe einkehren lassen.

Trotz anderer Größenordnungen – der BND-Neubau kostet allein schon über 800 Millionen Euro, das Stadtschloss “nur” 550 Millionen – werden auch in Wedding viele neue Bauvorhaben realisiert.  Auch das Robert-Koch-Institut baut an der Seestraße für 75 Millionen Euro ein neues Laborgebäude – Bakterien wie EHEC oder auch Abwehrmittel gegen biologische Kampfstoffe werden dort erforscht. Lächerlich gering erscheint da der Bibliotheksneubau am Standort des Rathauses Berlin-Wedding, “nur” drei Millionen Euro werden für die neue Mittelpunktbibliothek locker gemacht. Gerade ist aus 18 Entwürfen ein Gewinnerentwurf ausgewählt worden. “Ein sehr sichtbares Gebäude wird realisiert, das zur Aufwertung der Müllerstraße stark beitragen wird”, fasste Ephraim Gothe die Entscheidung für den Gewinnerentwurf bei einer Parteiveranstaltung der SPD-Abteilung Rehberge im Frühsommer zusammen. Später könne aus der neuen Bibliothek auch eine Bezirkszentralbibliothek werden.

Durch das Sanierungsgebiet Müllerstraße ist auch diese zentrale Achse wieder in den Fokus geraten. Für den Wedding stellt diese Straße die Anbindung an die Innenstadt dar. Die Steigerung ihrer Attraktivität für Verkehrsteilnehmer, Kunden und Anwohner ist für den Bezirk daher von besonders großer Bedeutung. Private Investoren werden davon indirekt profitieren, allerdings gibt es steuerliche Sonderabschreibungen für Investitionen im Sanierungsgebiet.

Ob Berlin-Wedding und die Müllerstraße im neuen Koordinatensystem der Stadt abgehängt werden? Prognosen über einen Bedeutungsverlust des Berliner Nordens sind schwer zu treffen. Immerhin hat die Politik die Notwendigkeit erkannt, den Standort durch das Sanierungsgebiet Müllerstraße zu stärken. Bedauerlich ist nur, dass das Sanierungsgebiet im Norden an der Barfus-/Transvaalstraße endet und nicht an der Bezirksgrenze zu Reinickendorf.

Hinweis: seit Januar 2012 ist Ephraim Gothe Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt.

Vorerst keine neuen Straßennamen im Afrikanischen Viertel

Die Wahlen sind gelaufen, auch auf Bezirksebene gibt es eine Einigung: neuer Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte ist – der alte, nämlich Dr. Christian Hanke von der SPD. Zur Wahl wird ihm auch die CDU verhelfen, die für diese Zählgemeinschaft eine Art Koalitionsvereinbarung mit der SPD geschlossen hat.

Für die umstrittenen Straßennamen im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding, deren Umbenennung die SPD bislang angestrebt hat, gibt es dazu eine Aussage. In der kommenden Legislaturperiode wird von einer Umbenennung oder Umwidmung der Straßen abgesehen. Somit behalten die Lüderitzstraße, die Petersallee und der Nachtigalplatz, ebenso wie alle anderen nach afrikanischen Städten, Ländern oder Landschaften benannten Straßen im Afrikanischen Viertel ihre angestammten Bezeichnungen.

Nichtsdestotrotz streben beide Parteien die Entwicklung eines Lern- und Gedenkorts im Afrikanischen Viertel an, um der kolonialen Geschichte Deutschlands einen adäquaten Platz einzuräumen.

 

Über Kolonien, Afrikaforscher und Straßennamen – Stadtführung durch das Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding

Das Afrikanische Viertel ist ein erstaunlich grünes, vom Fluglärm einmal abgesehen auch ruhiges, kleinbürgerliches Viertel am Rand des Wedding. Hier wohnen viele Menschen ihr ganzes Leben lang. Die Straßennamen klingen oft exotisch und passen manchmal gar nicht zum etwas miefigen und grauen Erscheinungsbild des Viertels. Dass sich dort Stadtführungen hin verirren, kommt in letzter Zeit immer häufiger vor und stößt bei manchen Anwohnern nicht nur auf kein Interesse, sondern sogar auf Unverständnis.

Gerhild Komander an der Ecke Damarastraße

Stadtführerin Komander erklärt die moderne Architektur - Bürgermeister Hanke hört interessiert zu

Die Stadtführerin Dr. Gerhild Komander leitet gemeinsam mit Josephine Apraku am 27.6. einen von der SPD Mitte organisierten Rundgang und ist für die architekturhistorischen Details zuständig. Denn das Viertel besitzt mit der Friedrich-Ebert-Siedlung ein bedeutendes Baudenkmal aus den 1920er Jahren. In zwei Baubschnitten haben Bruno Taut und Mebes & Emmerich ihre Vorstellungen von modernem, demokratischen Wohnungsbau realisiert. “Man beachte die einfache Fassadengliederung” zeigt Komander, “nur mit einem leichten Vorsprung und den Treppenhausfenstern wird die Fassade gestaltet.”

Unsaniert, saniert: das einzige weiße Haus in der oberen Togostraße

Unsaniert, saniert: das einzige weiße Haus in der oberen Togostraße

Bauhaus-Architektur ist das nicht – dafür sind die Gebäudeformen noch zu vielgestaltig. Der historische Putz ist von einem beige-grauen Rauhputz ersetzt: “Nur ein Gebäude hat wieder den glatten Putz”, erklärt Komander – wenn auch die Farben nicht historisch exakt sind. Revolutionär war die Architektur damals auf jeden Fall – und aus politischen Gründen sogar von den Kommunisten geschmäht. Denn hier wohnte die klassische SPD-Wählerschaft, das “Stehkragenproletariat”. Großzügige Grünflächen zwischen den in Zeilenbauweise errichteten Mehrfamilienhäusern boten weitaus bessere Wohnbedingungen als die Mietskasernen der Innenstadt. Den Nazis waren die als hässlich empfundenen Flachbauten ein Dorn im Auge – sie überbauten die Togostraße mit einem den Blick versperrenden Gebäuderiegel und benannten die Siedlung kurzerhand in “Eintracht” um. Aus hochfliegenden Plänen für ein Sportgelände zwischen Togo- und Müllerstraße wurde nichts: dort wurden recht einfallslose Gebäude mit Satteldach hochgezogen und im Zwischenraum eine Dauerkleingartenkolonie – namens “Togo” angelegt

Wenn Josephine Apraku Besuchergruppen durch das Viertel führt, bleibt sie an den drei Straßen Petersallee, Nachtigalplatz und Lüderitzstraße stehen. Diese drei Straßennamen fallen aus dem Raster:  sonst sind die Straßen im Viertel , beginnend ab 1899 bis 1958, nach afrikanischen Orten oder Ländern benannt. “Carl Peters haben erst die Nationalsozialisten mit der Straße ein Denkmal gesetzt”, sagt Apraku. Der unternehmungslustige Afrikaforscher hinterließ im schwarzen Kontinent eine blutige Spur des Schreckens. 1986 scheiterte der Plan, die Straße umzubenennen: “Statt dessen wurde sie umgewidmet, was ein großer Unterschied ist”, erklärt die dunkelhäutige Stadtführerin. Nun heißt die Petersallee – halbherzig -nach Hans Peters, einem CDU-Stadtverordneten.

Josephine Apraku an der Windhuker Straße

Josephine Apraku an der Windhuker Straße

Adolf Lüderitz hat eine längere Straße im Wedding. Auch er gehört wie Gustav Nachtigal zu den Deutschen, die auf trickreiche und unternehmungslustige Art große Gebiete unter den “Schutz” des Deutschen Kaiserreiches stellten. Kein Ruhmesblatt für ein Viertel, dass Straßen nach skrupellosen Unternehmern wie ihm benannt sind.

Die Besuchergruppe staunt nicht schlecht – selbst Anwohner und Kenner des Viertels sind überrascht, wie viele Geschichten hinter den grauen Fassaden ihres Viertels stecken. Für den Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke ist das Viertel der ideale Ort, um an die deutsche Kolonialgeschichte zu erinnern. Er sieht die Chance, hier einen Lern- und Gedenkort zu errichten. Das ganze Viertel steht in einmaliger Weise für die deutsche Kolonialgeschichte. Nur die drei Straßennamen, mit denen die “Afrikaforscher” geehrt werden – mit denen können der Bürgermeister, afrikanische Initiativen und auch manche Anwohner nicht leben.

Ein Viertel, das viele Geschichten erzählt: über Afrika, die deutschen Kolonien, aber auch über die demokratische Architektur der Zwischenkriegszeit: das Afrikanische Viertel wird hoffentlich noch für manche Stadtführung ein Thema sein.

Mehr über die Kolonialgeschichte gibt es hier.

Straßenumbenennungen im Afrikanischen Viertel?

Großes Bürgerinteresse, wenn es um Straßennamen geht

Alles Mögliche hat hier einen Afrikabezug....

Alles Mögliche hat hier einen Afrikabezug....

Der Saal im Paul-Gerhardt-Stift ist am Abend des 30. Mai 2011 gut gefüllt. Zahlreiche interessierte Anwohner, Lokalpolitiker und Vertreter von Bürgerinitiativen möchten mehr über Gerüchte und Fakten erfahren, wenn es um den Umgang mit den Straßennamen im Afrikanischen Viertel geht. Die SPD in Mitte hat zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen, um den Prozess der Entwicklung des Afrikanischen Viertels zu einem Lern- und Gedenkort anzustoßen.

Das Afrikanische Viertel ist das größte Flächendenkmal mit kolonialhistorischem Bezug in Deutschland“, erklärt der auf die deutsche Kolonialgeschichte spezialisierte Historiker Dr. Joachim Zeller, der selbst in Namibia geboren wurde. Das Afrikanische Viertel hat das Potenzial, die Geschichte Afrikas stellvertretend für ganz Deutschland zu erzählen, findet auch Dr. Christian Hanke, der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte. „Wedding hat sich verändert, unsere Gesellschaft ist bunter geworden“, erläutert der Lokalpolitiker und fügt hinzu: „Im Afrikanischen Viertel können wir die Geschichte Afrikas nach der Dekolonisierung weitererzählen.“ Die Entwicklung eines Lern- und Gedenkortes setzt eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte voraus. Die Straßennamen im Viertel, die zwischen 1899 und 1958 benannt wurden, spiegeln die jeweilige deutsche Haltung zu Afrika wider – sei es eine Werbung für die Kolonialpolitik bis 1919, sei es eine Würdigung des 1958 unabhängig gewordenen Staates Ghana.

Ein Lern- und Gedenkort der anderen Art

An der Togostraße

An der Togostraße

Aus Sicht mancher Teilnehmer der Runde sind von den 24 Straßennamen, die in dieser Häufung einmalig in Deutschland sind, drei Bezeichnungen nicht mehr tragbar. Es handelt sich dabei um die Petersallee, den Nachtigalplatz und die Lüderitzstraße. Alle drei mit einer Straße geehrten Persönlichkeiten haben im 19. Jahrhundert auf unterschiedlichste Art dazu beigetragen, große Teile Afrikas für die Kolonialansprüche des Kaiserreichs zu sichern. „Die meisten Gedenkorte betreffen den Nationalsozialismus oder die deutsche Teilung. Warum nicht auch einmal ein Gedenkort für Afrika?“ fragt sich Bruni Wildenhein-Lauterbach, die den Wahlkreis im Abgeordnetenhaus vertritt. Dabei ist es ihr als gebürtige Berlinerin wichtig, dass sich auch die Anwohner mit ihrem Viertel und ihren Straßennamen identifizieren. Sie sollen neue Namen nicht übergestülpt bekommen.

Genau dies befürchtet die Bewohnerinitiative „Pro Afrikanisches Viertel“. Ihren Mitgliedern geht es nicht darum, den Gedenkort zu verhindern. Sie sehen aber vor allem die Kosten, die eine Umbenennung für den Bezirk, aber auch Bewohner und Gewerbetreibende mit sich bringt. „Warum kann nicht eine Zusatztafel erklären, nach wem die Straße benannt wurde?“ fragt ein Anwohner. Dadurch wüssten Besucher und Bewohner des Viertels, welche Person in welcher Zeit mit der Benennung geehrt wurde und welche Motivation dahinter stand. Für den Bezirksbürgermeister wäre dies kein adäquater Umgang mit den zahlreichen Opfern der kolonialen Vergangenheit. Inzwischen hat die Bezirksverordnetenversammlung den Beschluss gefasst, eine Infosäule im Afrikanischen Viertel aufstellen zu lassen. Über den Text gab es unterschiedliche Auffassungen – daher hat man sich auf zwei Texte geeinigt, die zwei unterschiedliche Perspektiven auf die Kolonialgeschichte aufzeigen. Eine solche Infotafel, deren Standort noch nicht geklärt ist, ist durch ihren umstrittenen Text selbst Teil des Prozesses, sagt Bürgermeister Dr. Hanke.

Ein Prozess, der jetzt erst beginnt und an dessen Ende das gesamte Afrikanische Viertel ein Lern- und Gedenkort ist. Ein Vorbild dafür könnte das Bayerische Viertel in Schöneberg sein, an dem im Straßenbild der schrittweisen Entrechtung der Juden in der Nazizeit gedacht wird. Diesen Prozess auf die Umbenennung von Straßen zu reduzieren, würde an dem Potenzial vorbeigehen, das ein solcher Lern- und Gedenkort für diesen Teil des Wedding darstellen kann. Nur die Interessen weniger Anwohner zu berücksichtigen, wird der deutschlandweiten Bedeutung des Afrikanischen Viertels nicht gerecht.

Im Flächendenkmal, neben dem Weltkulturerbe

Die Dauerkolonie Togo wurde "wild" umbenannt

Die Dauerkolonie Togo wurde "wild" umbenannt

Dem oberflächlichen Betrachter scheint dies nur eine ruhige Wohngegend zu sein (“schöne Ecke vom Wedding“). Tatsächlich hat diese Ecke im Norden des Bezirks Mitte viel zu bieten. Das mit dem Weltkulturerbe für die Siedlung Schillerpark dürfte sich ja mittlerweile herumgesprochen haben. Dass das Afrikanische Viertel jedoch das größte Flächendenkmal Deutschlands mit kolonialen Straßennamen werden könnte, war mir bislang neu.

„Das Afrikanische Viertel ist das größte Flächendenkmal mit kolonialhistorischem Bezug in Deutschland“, erklärt der auf die deutsche Kolonialgeschichte spezialisierte Historiker Dr. Joachim Zeller, der selbst in Namibia geboren wurde. Bei einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung der SPD Rehberge am Montag, den 30. Mai 2011 ist das Podium hochrangig besetzt. Das Afrikanische Viertel hat das Potenzial, die Geschichte Afrikas stellvertretend für ganz Deutschland zu erzählen, findet auch Dr. Christian Hanke, der Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte. „Wedding hat sich verändert, unsere Gesellschaft ist bunter geworden“, erläutert der Lokalpolitiker und fügt hinzu: „Im Afrikanischen Viertel können wir die Geschichte Afrikas nach der Dekolonisierung weitererzählen.“

Das gefällt einigen Anwohnern nicht. Sie möchten nicht, dass ihre Straßen umbenannt werden, auch wenn es nur drei Namen von Kolonialherren betrifft, die im schwarzen Kontinent unter Missachtung einfachster Menschenrechte agiert haben. Die übrigen 23 Namen bleiben erhalten und dokumentieren Deutschlands Kolonialabenteuer, das 1918 endete.

Die Benennung der drei Straßen oder zumindest ihre historische Einordnung durch Zusatztafeln sollte keine kleinkarierten Diskussionen auslösen, wie es bei der Veranstaltung schnell hätte passieren können. Statt dessen sollte der von der Kommunalpolitik angeregte Ausbau des Afrikanischen Viertels zum – deutschlandweit einmaligen – Lern-und Gedenkort vorangetrieben werden. Lieber mit den Anwohnern als ohne sie, aber wenn es sein muss, auch mit der Umbenennung von drei Straßen.

Die Straßennamen im Afrikanischen Viertel sind in Berlin einmalig

Die Straßennamen im Afrikanischen Viertel sind in Berlin einmalig