Getagged: Seestraße

Rehberge und Plötzensee: Rudern inmitten Weddings grüner Lunge

Baumgruppe am Stadion und an der Großen Spielwiese

Auf Sand gebaut

Das heutige Parkgelände ist Teil des früher ausgedehnten Waldgebietes Jungfernheide. Die sprichwörtliche märkische Streusandbüchse prägte das Landschaftsbild auf dem Gebiet des heutigen Volksparks Rehberge und des Goetheparks in besonderer Weise. Denn in der späten Eiszeit abgelagerter Flugsand hatte sich dort zu ganzen Sanddünen formiert. Darauf wuchsen zum Teil Kiefern und Eichen, doch spätestens nachdem diese nach dem ersten Weltkrieg von der frierenden Bevölkerung abgeholzt wurden, lag die Sandfläche komplett frei. Der Sand beeinträchtigte die benachbarten Wohngebiete erheblich – er war allenfalls als Scheuersand zu gebrauchen. “Der Volksausdruck Berliner Schnee, womit das Treiben des Flugsandes gemeint ist, schreibt sich von den Rehbergen her”, schrieb der Stadtrat Ernst Friedel im Jahr 1899. Es musste also etwas mit dieser Fläche geschehen….

Landschaftspark statt Völkerschau

In der allgemeinen kolonialen Euphorie war schon das benachbarte Afrikanische Viertel mit exotisch klingenden Straßennamen bedacht worden. Dazu passend hatte Carl Hagenbeck aus Hamburg die Idee, einen landschaftsbetonten Tierpark auf der sandigen Fläche zwischen diesem Viertel und dem Plötzensee anzulegen. Auch eine “Völkerschau”, nämlich die Zurschaustellung von Menschen anderer Hautfarbe in exotischen Siedlungen, war im Rahmen dieses Parkes vorgesehen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges machte dem Hamburger Unternehmer allerdings einen Strich durch die Rechnung.

Zwischen 1926 und 1929 wurde dafür als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für 1000 Arbeitslose der Volkspark Rehberge angelegt. Auf zunächst 70 Hektar nutzten die Gartenbaudirektoren Rudolf Germer und Erwin Barth die topographischen Gegebenheiten, um daraus eine anmutige Parklandschaft zu formen. Die zentrale Sicheldüne mit 17 Metern Höhenunterschied bildet einen Rücken, auf dessen höchstem Punkt 1930 der eigenwillige Rathenau-Brunnen (in Form einer Schraube) eingeweiht wurde. Nach Westen stellt das Gelände eine steilen Abhang mit einer Rodelbahn dar, während die Düne nach Nordosten in einer Kurve sanft abfällt. Der darauf befindliche Höhenweg überbrückt mit einer in Kalkstein eingefassten Brücke einen querenden Parkweg. Typisch für den Park ist der Wechsel von Baumgruppen, Wiesen und für Spiel und Sport nutzbaren Einrichtungen. Ein Stadion und eine große Spielwiese gehören ebenso dazu wie eine ziemlich zugewachsene Wiesenarena (“Tanzring”), Tennisplätze und eine Freilichtbühne. Im Volkspark Rehberge gibt es auch zwei Cafés, das Park-Café an der großen Wiese sowie die SchAtulle gegenüber des Freilichtkinos. Die Nutzung des Parks für Spiel und Sport war Teil des Konzepts, in dem die Verbesserung der Volksgesundheit eine zentrale Rolle spielte. Blickfang der Promenade, die unter einer Brücke hindurch zur Spielwiese führt, ist eine Bronzeplastik aus dem Jahr 1906 von Wilhelm Haverkamp. Kurios: die “Ringergruppe” wurde 1935 aus dem Schillerpark hierher versetzt, während das abstrakte Rathenaudenkmal 1941 für eine Kopie des Schillerdenkmals eingeschmolzen wurde, die heute im Schillerpark steht. Erst 1987 wurde das Rathenaudenkmal anhand von Fotos nachgebildet.

Charakteristisch für die inzwischen 115 Hektar große Gesamtanlage ist die Einbeziehung der gleichzeitig angelegten Kleingärten, seinerzeit die erste Dauerkleingartenanlage Berlins. Den benachbarten etwas älteren Goethepark (1924), von dem der Volkspark Rehberge durch die Transvaalstraße getrennt ist, nimmt man als Bestandteil der gesamten Grünanlage wahr. Nach Westen ist der Park immer wieder durch Zukäufe und die Entwidmung von Friedhofsflächen erweitert worden, so dass heute auch der Plötzensee mit seinem Uferweg als landschaftliche Einheit mit den Rehbergen wirkt.

Sieben Hektar Wasser

Weddings Haussee: der Plötzensee

Weddings Haussee: der Plötzensee

Überhaupt, der Plötzensee: 740 Meter lang und 7,85 Hektar groß ist er ein natürliches Gewässer – ganz im Gegensatz zu den drei kleineren Seen Möwensee, Sprerlingssee und Entenpfuhl am Nordostrand des Volksparks, die aus einer Moorniederung hervorgegangen sind. In ein Zu- und Abflusssystem ist der Plötzensee nicht eingebunden – auch er ist ein Relikt der Eiszeit. Früher war der See für seinen Fischreichtum bekannt (daher auch die Bezeichnung nach dem Karpfenfisch Plötze). Seit 1891 gibt es an seinem Westufer ein Freibad, das in seiner heutigen Form im Stil der Neuen Sachlichkeit seit 1928 existiert. Die denkmalgeschützte Anlage ist in U-Form errichtet. An der Südspitze des Plötzensees nahe an der Autobahn Seestraße, gibt es eine kleine Kneipe im Bootshaus, die Fischerpinte. Dort werden Tretboote und Ruderboote verliehen, wovon viele Weddinger an Sommertagen regen Gebrauch machen. An der Ostseite ist ein Park mit einer großen Sonnenterrasse angelegt worden, von wo aus man einen direkten Blick auf das Freibad hat.

Der Plötzensee gehört im Gegensatz zum Wedding, der schon 1861 nach Berlin eingemeindet wurde, erst seit 1915 zu Berlin. Die Gegend ist Schauplatz einiger denkwürdiger Ereignisse. So begann Wilhelm Voigt sein Husarenstück als “Hauptmann von Köpenick” justament an der Militärbadeanstalt Plötzensee, wo er am 16. Oktober 1906 fünf Soldaten unter seinen Befehl stellte – um dann die Stadtkasse von Köpenick zu beschlagnahmen.

Plötzensee ist auch der Name der benachbarten Justizvollzugsanstalt, die im Dritten Reich eine besonders unrühmliche Rolle spielte. In unmittelbarer Nähe des Gefängnisses befindet sich eine Gedenkstätte für die Opfer, die in Plötzensee ihr Leben ließen.

Volkspark Rehberge: U 6 Rehberge; BUS 221 (Otawistraße), Freibad Plötzensee, TRAM M13 / 50 (Virchow-Klinikum)

100 Jahre Alhambra, 10 Jahre Multiplex

Die Ecke schlechthin, mit dem Kino Alhambra

Die Ecke schlechthin, mit dem Kino Alhambra

Diese Ecke ist ein alter Kinostandort. Bereits vor 100 Jahren, 1912, wurden im Hinterzimmer des Gartenlokals Sachon Müllerstraße Ecke Seestraße Stummfilme aufgeführt. 1916 wurde daraus ein “richtiges” Kino, das nach Kriegszerstörung 1953 als typisches Fünzigerjahrekino “Alhambra” wiedereröffnet wurde. Dieses Kino mit nur einem Saal prägte den Wedding in der Nachkriegszeit. Erst 1999 wurde es dann abgerissen und durch ein modernes Multiplexkino mit der markanten Glasfassade ersetzt, das schließlich am 8. Mai 2002 eröffnet wurde. Mit dem 14 Millionen Euro teuren Neubau hat sich der damalige Besitzer allerdings finanziell verhoben – heute gehört das Alhambra zur CINEPLEX-Kinogruppe (Quelle: Berliner Woche).

Die beiden Jubiläen werden mit einer Filmreihe in der Sonntags-Matinee gewürdigt, immer um 11 Uhr werden für 7,50 Euro Eintritt Filmklassiker gezeigt:

- am 13. Mai Charlie Chaplin – Lachparade (1916)

- am 20. Mai “Bel Ami” (1930)

- 27. Mai: “Citizen Kane” (1941)

- 3. Juni: “Ein Amerikaner in Paris” (1951)

- 10. Juni: “Der Unsichtbare Dritte” (1959)

- 17. Juni: “Bonny und Clyde” (1967)

- 24. Juni: “Solo Sunny” (1979)

- 1. Juli: “Der Himmel über Berlin” (1986)

- 8. Juli: “Buena vista social club” (1998)

15. Juli: “Avatar” (2009)

- 22. Juli: “The Artist” (2012)

Der Berg ruft gegen die Seestraße an

Ute Akrutat übt....

Ute Akrutat übt….

Ute Akrutat übt auf ihrem Musikinstrument am liebsten im Freien. Der Plötzensee ist in Sichtweite, hier am Eingang zur Uferpromenade direkt an der Seestraße kommen viele Radfahrer und Fußgänger vorbei. Doch ihr hölzernes Instrument ist kein Didgeridoo, wie man es auch in Berlin immer öfter sehen kann, sondern – ein Alphorn! “3 Meter 80 lang ist es”, sagt die Hobbymusikerin,. “Früher habe ich Trompete gespielt, und seit drei Jahren eben Alphorn.” Das schweizerische Nationalinstrument ist in Berlin eine Seltenheit, dennoch ist das Alphorn vom Plötzensee in unserer Stadt gebaut worden.

Spielen gegen den Verkehrslärm, bevor sich noch jemand beschwert

...Alphorn am Plötzensee

…Alphornspielen am Plötzensee

Warum spielt Ute Akrutat ausgerechnet hier, wo die Seestraße und die Stadtautobahn für ein permanentes Grundrauschen sorgen, das rein gar nichts mit alpinen Geräuschen zu tun hat? “Ich spiele dort, wo ich niemanden störe. Da kann sich keiner beschweren. Es ist nämlich schwierig, Töne zu treffen.” Kein Wunder, denn das Musikinstrument (und ein Alphorn gehört rein instrumentenkundlich zur gleichen Gruppe wie Blechblasinstrumente) verfügt weder über Klappen noch über Ventile. Da muss man mit den Naturtönen arbeiten, die das Alphorn eben von sich gibt.

Alphornspieler sind in Berlin nicht allein

Man sieht und hört Ute Akrutat bei schönem Wetter öfter am Plötzensee oder am Flughafengelände in der Jungfernheide. Mit ihrem außergewöhnlichen Hobby ist sie übrigens nicht allein: “Es gibt in Berlin mehr als 20 Alphornspieler, 18 sind auch schon im Berliner Alphorn-Orchester”, sagt die Reinickendorferin. Alle zusammenzubringen ist natürlich schwierig. Denn im Gegensatz zur Akustik in Alpentälern kann auch ein Alphorn nicht den Berliner Lärm über weitere Entfernungen übertönen.

Erstes Berliner Naturtonfestival mit Jodel-Workshop

Berliner Alphornorchester

29. Februar, der geschenkte Tag auf der Müllerstraße

Unter dem Motto: „Ein geschenkter Tag“ (Schaltjahr 2012) wird der zusätzliche Tag des Jahres 2012 ganztägig gefeiert.

Über 60 Gewerbetreibende/Dienstleister/Einzelhändler an und um die Müllerstraße beteiligen sich an der Aktion mit besonderen Rabatten, kleinen Aufmerksamkeiten für die Kundschaft, besonderen Beratungsangeboten und Sprechstunden. Abgerundet wird der Aktionstag von einem kleinen Rahmenprogramm. Auch öffentliche und soziale Einrichtungen, wie das Bezirksamt Mitte, die Feuerwehr, die Polizei, der Mieterverein oder das Jugendhaus tragen dazu bei.

Am 29. Februar gibt es in der Müllerstraße nicht nur viele Sonderangebote: Der “geschenkte Tag” bietet auch einen Rahmen für das Zusammentreffen und Kennenlernen von Menschen. Solche Erfahrungen können kaum interessanter und spannender sein als auf der Müllerstraße, wo vielzählige Kulturen aufeinanderprallen. Zu erleben gibt es beispielsweise eine Jam-Session im Antiquitätenladen, eine Breakdance-Performance und eine Hip-Hop-Show im Kino-Foyer des Cineplex Alhambra, die Karate-Kids im Schillerpark-Center, eine Brautmodenschau im türkischen Brautmodengeschäft, das Bezirksamt zu Gast beim Mieterverein mit einer Ausstellung zum Fördergebiet, ein Feuerwehrauto vor dem Rathaus und Filmvorführungen im Café oder Supermarkt. Die Kontraste könnten schöner nicht sein: Haben Sie schon einmal ein Seminar zur Zubereitung veganer Falafel besucht? Oder gehen Sie zur Wurstverkostung bei der traditionellen Neulandfleischerei, zum Bücher-Verschenken ins polnische Restaurant, zur persönlichen Typenberatung bei H&M, zu kostenlosen Beratungsseminaren für Jungunternehmer beim Steuerberater, erkunden Sie die Welt Indonesiens im Indomarkt oder lassen Sie sich in die chinesische Naturheilkunde im Kräuterladen einführen. Und vergessen Sie die Kekstüte und den Luftballon für Ihre Kinder nicht.

Rund um die Müllerstraße gibt es eine Vielzahl engagierter Akteure. Dazu zählen Anwohner, soziale Einrichtungen, wie auch Gewerbetreibende und Behörden, die sich in bereits etablierten Runden Gedanken um die Zukunft ihres Stadtteils machen. Dazu zählen z.B. der Runde Tisch Leopoldplatz oder die Stadtteilvertretung Müllerstraße. Die Idee für den Aktionstag “ein geschenkter Tag” entstand beim zweiten vom Geschäftsstraßenmanagement Müllerstraße initiierten “Händlerfrühstück” Anfang Januar. (Quelle: Geschäftsstraßenmanagement Müllerstraße)

Eberhard Elfert gibt eine Fahrradtour „Die Geschichte und die Zukunft der Müllerstraße“. Dauer ca. 1 ½ Std., Maximal 20 Personen pro Tour. Kostenlose Teilnahme
Start: Weddingplatz, Ende: Gilmore‘s Café – Bar um 13 Uhr und um 16 Uhr, Anmeldung: eberhard.elfert@gmx.de

Programm

Erste Wahl für Zweite Hand: “Elementarteilchen”

Im ElementarteilchenEin ständiges Kommen und Gehen herrscht am Nachmittag im “Elementarteilchen”, einem Second-Hand-Kleidungsladen für Frauen in der Amsterdamer Straße. Evelyn Kaczmarek hätte wirklich Mühe, es ihren Kundinnen zu erklären, wenn sie den Laden wieder schließen sollte. Denn das hatte die 28-jährige Ur-Weddingerin mit polnischen Wurzeln ursprünglich vor: “Für mich war das eigentlich ein auf zwei Jahre begrenztes Projekt”, sagt Evelyn. Daraus sind nun im Januar 2012 schon vier Jahre geworden, also eine echte Weddinger Erfolgsgeschichte. Das Konzept ist einfach: “Die Sachen sollen tragbar sein, für den Beruf und die Freizeit, eventuell auch ein bisschen schicker”, sagt sie. Viele Jahre lang hat sie in Boutiquen gearbeitet und den Verkauf von Kleidung von der Pike auf gelernt. “Ich habe viel aus dieser Zeit mitgenommen, zum Beispiel, dass es schöner aussieht, wenn die Kleider nach der Farbe sortiert präsentiert werden”, erzählt die Unternehmerin. Sie ist am Leopoldplatz aufgewachsen. Daher liegt ihr viel am Wedding und besonders an der nahe gelegenen Müllerstraße, deren Niedergang ab den 1990ern sie selbst miterlebt hat. Schuld daran sind ihrer Meinung nach vor allem die Shopping-Center. “Da gehe ich höchstens hinein, um mich aufzuwärmen”, sagt eine Kundin, die das Gespräch mit angehört hat.

Evelyn Kaczmarek in ihrer Boutique

Evelyn Kaczmarek in ihrer Boutique

Ein unattraktives Straßenbild, das nicht gerade zum Kaufen einlädt. Das soll und wird sich zumindest an der Müllerstraße nun ändern. Evelyn Kaczmarek hofft, dass auch die eigentlich viel schöneren Nebenstraßen wie die Amsterdamer Straße davon profitieren. Denn der Kiez erlebt gerade einen starken Wandel: “Hier ziehen viele Studenten her, die früher erst einmal in den Prenzlauer Berg gezogen wären”, hat sie beobachtet. Noch stimme die Mischung, aber es werden auch gerade viele Wohnungen luxussaniert. Der Wedding ist dabei, sein schlechtes Image zu verlieren, kann auch die Kundin im Elementarteilchen berichten: “Früher hieß es: um Gottes Willen, du wohnst im Wedding?” Das habe sich vollständig geändert und Freunde kommen heute auch gerne im Wedding zu Besuch… Man kommt leicht ins Plaudern in diesem Laden. Das könnte auch daran liegen, dass am Fenster ein gemütliches Sofa dazu einlädt, sich erst einmal im “Elementarteilchen” niederzulassen.

Wieder geht die Ladentür auf, eine junge Kundin kommt herein und möchte sich bei den Second-Hand-Kleidern umschauen, die im Durchschnitt zwischen zwölf und 25 Euro kosten. Das Projekt “Elementarteilchen” dürfte wohl noch ein paar Jahre länger dauern.

Laden in der Amsterdamer StraßeElementarteilchen

Amsterdamer Str. 4

Di-Sa 12.00 – 16.00 Uhr
Tel. 0173 – 4494718

Eine Bereicherung für den Kiez: Das “TassenKuchen”

Eine Metallskulptur zieht sich durch das ganze Café

Nanu, wenn man in das Café an der Ecke Utrechter-/Malplaquetstraße eintritt, reibt man sich erst einmal die Augen: da hängt doch unter der Decke… ja, was eigentlich? “Ein Buckelwal”, erklärt die 35-jährige Tonia Meskunas, die das “TassenKuchen” gemeinsam mit ihrem amerikanischen Mann Paul betreibt. Die Metallskulptur nimmt fast den ganzen Raum ein, und wie alles in diesem hellen Café haben die beiden Besitzer alles selbst gestaltet. Die minimalistische Gestaltung gehört zum Konzept, ebenso wie auch die sparsam eingesetzten Farben (eigentlich gibt es nur lindgrün) und das Logo, die alten Stühle aus einem Festzelt; ja, selbst die hölzerne braune Verkleidung der Theke und eine Tür zum Veranstaltungsraum, für die ein altes Scheunentor herhalten musste. “Wir sind beide Designer, und alles ist genau durchdacht”, erklärt Tonia Meskunas, und man versteht sofort: hier hat nicht irgendein Café aufgemacht.

Blick auf die Ecke

Blick auf die Ecke

Früher war an dieser exponierten Lage an dem dreieckigen Platz, der durch die abknickende Utrechter Straße im Schnittpunkt der Malplaquetstraße gebildet wird, einmal ein bekanntes Eiscafé, dann folgten – weddingtypisch – viele Jahre des stetigen Wechsels verschiedener Vereinslokale, keine Gastronomie. “Wir haben schon einmal ein Touristencafé betrieben, auf der Insel Block Island im US-Bundesstaat Rhode Island”, erzählt Tonia. “Da lag es nahe, ein Café mit amerikanischen Spezialitäten zu eröffnen. Paul als Amerikaner bäckt einfach nach den authentischen Rezepten aus seiner Heimat.” Getestet wurden die amerikanischen Kuchen (Tassenkuchen ist die direkte Übersetzung des englischen Cup Cake) ein Jahr lang zu Hause im Freundeskreis. Seit der Eröffnung des Tassenkuchen im  November 2011 sind noch ein Mittagstisch, Sandwiches und Tartes hinzugekommen. Legendär ist schon jetzt das All you can eat- Pancake-Brunch am Sonntag, seit ein Fachblog dafür warb und den Meskunas die Bude eingerannt wurde.Die Pancakes sind, anders als man es vielleicht erwartet, fluffig und leicht. Das Geheimnis liege in der Verwendung von Buttermilch und Saurer Sahne, verrät Paul Meskunas mit einem vielsagenden Lächeln im Gesicht – natürlich ohne das genaue Rezept preiszugeben!

“Uns ist die Qualität wichtig”, beschreibt Tonia das ausgefeilte Konzept, “und darum kommen nur Zutaten aus kontrolliert biologischem Anbau in Frage.” Mit einer Ausnahme, denn mittwochs gibt es Whoopie Pie, für den (Bio-Fans schauen jetzt mal weg) konventionelle Marsh-Mallows verbacken werden. Wichtig ist: alles ist frisch und hausgemacht.

Paul und Tonia Meskunas

Paul und Tonia Meskunas

Die Betreiber des TassenKuchen wollen ihren Kiez, in dem sie auch selbst wohnen, durch ihr Café um etwas ganz Besonderes bereichern. Von außen wirkt das Café zwar wie ein Provisorium. Die Überraschung, die einen im Inneren des TassenKuchen aber dann erwartet, beschreibt Tonia selbst ziemlich treffend: “Das Schöne am Wedding ist, man läuft eine Straße entlang und denkt, was ist das denn Schreckliches… Dann biegt man um die Ecke und merkt, ach hier ist es auf einmal total nett.” Wer sich also nicht davon abschrecken lässt, durch die Straßen des Wedding zu ziehen, kann einen richtigen Wohlfühlort mit leckerem Kuchen und Kaffee entdecken. Oder auch einen Buckelwal.

TassenKuchen

Malplaquetstr. 33, 13347 Berlin

Mi- Fr 9-18 Uhr, Sa/So 10.30 – 18 Uhr, Mo/Di geschlossen

Veranstaltungsraum auf Anfrage buchbar

U Leopoldplatz / U Seestraße

Die Kuchenauswahl

Die Kuchenauswahl

Türkisch einkaufen vom Feinsten

Shopping de luxe für türkischstämmige Berliner

Müllerstraße Türkenstraße

Müllerstraße Türkenstraße

An der oberen Müllerstraße ist derzeit ein Verlust an alteingessenen Fachgeschäften zu beklagen. Bis zur Gesetzesnovelle im Jahr 2011 sind auch noch viele neue Automatencasinos hinzugekommen. Wie sich die Schließung der Weddinger C&A-Filiale auf das Gesamtgefüge „Geschäftsstraße Müllerstraße“ auswirkt, steht noch in den Sternen. Doch nicht nur Niedergang, sondern ein Wandel ist zu beobachten: Fast unbemerkt hat sich inzwischen der Bereich rund um die Kreuzung Seestraße zu einem Eldorado für Käufer entwickelt, die Qualitätswaren aus der Türkei zu schätzen wissen. Und das dürften wohl in erster Linie die Weddinger mit türkischem Migrationshintergrund sein….

Friedhof und Schillerparkcenter

Friedhof und Schillerparkcenter

Wer meint, dass es sich bei türkischen Waren nur um Döner und typische Gemüsesorten handeln kann, liegt falsch: mitten im Wedding werden inzwischen auch hohe Ansprüche an türkische Qualitätsprodukte bedient. Wer türkisch heiraten will und eine Aussteuer braucht, wird garantiert rund um das Schillerparkcenter fündig. Südlich der Ecke Müllerstraße/Seestraße kann man auch noch sehr authentisch türkisch frühstücken (“Simit Evi“, Müllerstr. 147) oder zu Mittag essen (Çarik Kuruyemiş, Müllerstr. 39, gebrannte Kerne und Nüsse, Restaurant-Café).

TURQUAZ Home Collection: Porzellanladen

TURQUAZ Home Collection: Porzellanladen

Porzellanladen & Brautmoden…

HANLI Collection - Türkische Brautmoden

HANLI Collection - Türkische Brautmoden

In der türkischen Kultur spielt die Hochzeit immer noch eine herausragende Rolle. Neben der Ausrichtung der Feierleichkeiten selbst sammeln Mädchen und junge Frauen immer noch für ihre Aussteuer – ein Brauch, der in Deutschland weitgehend ausgestorben ist. Passenderweise kann man sich im Wedding (englisch für “Hochzeit”) mit entsprechenden Gegenständen ausstatten. Fündig wird die angehende Braut mit Sicherheit beim Brautmodenladen HANLI Collection, Müllerstr. 132. An der Müllerstr. 121/Ecke Transvaalstraße gibt es mit DILEK Collection ein weiteres Brautmodengeschäft. In der Türkei sind die Keramik und das Porzellan aus Kühtahya sehr bekannt. Bei Turquaz Home Collection in der Müllerstr. 47 (Schillerpark-Center) gibt es eine große Auswahl an original türkischen Qualitätsprodukten direkt vom Hersteller. Wem das Porzellan nicht gefällt, kann es ja bei einem deutschen Polterabend gleich wieder zerschmettern. Türkische Bettwaren und Betten sind gleich gegenüber bei Yatas Bedding, Müllerstr. 131, erhältlich. Doch man muss ja nicht nur das Haupt betten. Dass sich der türkische Möbelgeschmack unterscheidet, kann man im Möbelgeschäft EVKUR in der Ungarnstraße (ebenfalls im Schillerpark-Center)  erleben. Und das neue Einrichtungshaus MÖBELTOWN in der Turiner Straße 25 ist der Beweis, dass sich das Ganze auch an deutsche Kunden richten kann.

Brüsseler Kiez: raue Schale, gemütlicher Kern

Die Beuth-Hochschule

Die namensgebende Brüsseler Straße

Die namensgebende Brüsseler Straße

Die Kapernaumkirche am nördlichen Rand des Brüsseler Kiezes

Die Kapernaumkirche am nördlichen Rand des Brüsseler Kiezes

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Das nach belgischen Städten benannte Viertel besitzt eine schöne Altbausubstanz aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg und aus der Zwischenkriegszeit. Leider wirkt es an manchen Stellen etwas vernachlässigt. Eine Bürgerinitiative kümmert sich darum, den Kiez wieder nach vorne zu bringen und aus dem Schatten der benachbarten Viertel zu holen. Denn das Potenzial ist enorm: mit der Beuth-Hochschule, einem Wochenmarkt und einer schönen Bausubstanz hat der Brüsseler Kiez gute Chancen, ein äußerst attraktives Wohngebiet in zentraler Lage zu werden. Wichtige wissenschaftliche und kulturelle Einrichtungen gehören aber auch zum Brüsseler Kiez: dort oder in unmittelbarer Nähe befinden sich nämlich das Deutsche Institut für Zuckerforschung mit dem Zucker-Museum, das 1923 gegründete Anti-Kriegs-Museum, die Krankenhausstadt Campus Charité Virchow-Klinikum, das Robert-Koch-Institut und das Institut für Gärungsgewerbe und Biotechnologie.

Klar abgegrenztes Viertel mit Beuth-Hochschule

Vergleichsweise spät ist dieses Viertel bebaut worden. Eine erste Bauphase war die Zeit um das Jahr 1900, als die typischen Mietskasernen rund um die Brüsseler Straße hochgezogen worden. Die Kapernaumkirche, die ursprünglich an einem kleinen Platz stehen sollte, ist heute in die Ecke Antwerpener Straße des Boulevards Seestraße integriert. Mit ihrer Formensprache knüpft die 1902 fertiggestellte Kirche an romanische Sakralbauten im Rheinland an. Die Seestraße selbst ist Teil der Berliner Ringstraßen, die von Peter Joseph Lenné 1841 geplant wurden. Mit ihrem breiten Mittelstreifen, in dem auch die einzige im Westteil Berlins verkehrende Straßenbahnstrecke verläuft, ist sie eine der verkehrsreichsten und breitesten Straßen im Norden der Stadt. Der Abschnitt der Seestraße, der an den Brüsseler Kiez grenzt, erhält durch die geschlossene Bebauung aus der Kaiserzeit einen besonders großstädtischen Charakter.

Die Beuth-Hochschule ist das wichtigste Ziel im Brüsseler Kiez

Die Beuth-Hochschule ist das wichtigste Ziel im Brüsseler Kiez

In einer zweiten Bauphase wurde das Gebiet rund um den Zeppelinplatz bebaut. Mit dem heutigen Haus Beuth, 1909 von Ludwig Hoffmann erbaut, steht ein beeindruckendes Schulgebäude für den ältesten Teil der Technischen Fachhochschule, heute Beuth-Hochschule. Rund um dieseneinen ganzen Block einnehmenden Gebäudekomplex sind in den 1920er Jahren zahlreiche Anlagen des sozialen Wohnungsbaus entstanden. Eine Wohnanlage der gleichen Wohnungsbaugesellschaft besteht aus vier sehr unterschiedlich gestalteten Blöcken. Dort lebt es sich, trotz der unmittelbaren Nähe einer Fachhochschule und umrahmt von wichtigen Hauptverkehrsstraßen, überraschend ruhig und grün.

Zwischen Leopoldplatz und Osramhöfen: Städtische Qualität

Neue und alte Nazarethkirche direkt hintereinander

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vom Verkehr umtoste StatueDas namenlose Viertel zwischen dem Leopoldplatz, der Müllerstraße, der Seestraße und der Reinickendorfer Straße besitzt von allen Weddinger Kiezen mit die geschlossenste Bebauung aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Die in ein Gewerbe- und Bürozentrum umfunktionierten Osram-Höfe, einst Europas größte Glühlampenfabrik (erbaut 1904-1910), schließen das Viertel nach Norden hin ab.

Die Mischung macht’s zwischen Leo und Seestraße

In den ruhigeren Seitenstraßen ebbt der Verkehrslärm langsam ab. Originell ist die Malplaquetstraße, an der die unterschiedlich ausgerichteten Querstraßen in einem anderen Winkel abknicken und dreieckige Plätze ausbilden. Interessant ist auch die Liebenwalder Straße mit dem ältesten Haus im Kiez aus dem Jahr 1875 (Hausnummer 2-3), das auch über Wirtschaftsgebäude verfügt.

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Das Karl-Schrader-Haus in der Malplaquetstraße

Das Karl-Schrader-Haus in der Malplaquetstraße

Das Viertel im Schatten des fast 80 Meter hohen Turms der Neuen Nazarethkirche (1891-93 von Max Spitta errichtet) entwickelt sich langsam zu einem dynamischen Kiez mit Cafés, Restaurants und Geschäften für den nicht alltäglichen Bedarf. Gleichwohl gibt es immer noch viele türkische Kulturvereine und ganz normale Geschäfte. An einem verkehrsberuhigten dreieckigen Platz mit einer historischen Wasserpumpe, im Eckhaus der genossenschaftlichen Wohnanlage “Karl-Schrader-Haus” (1904-06), befindet sich mit dem Schrader’s ein gastronomischer Pionier im Wedding: ein ambitioniertes Café-Restaurant, das auch viele Stammgäste aus anderen Stadtteilen anzieht. Aber auch im weiteren Verlauf der Malplaquetstraße oder der Nazarethkirchstraße am Leopoldplatz ballen sich neuerdings Tagescafés, Restaurants und originelle Läden.

Typisch für das dicht besiedelte Viertel ist die funktionierende Mischung – großstädtisch, (noch) nicht überdreht, multikulti und trotzdem an manchen Stellen fast schon dörflich. Vielen Kiezen in Berlin ist diese Zusammenstellung, wenn sie sie denn je hatten, irgendwann in den letzten Jahren verlorengegangen. Nicht so in den Straßenzügen zwischen Osram-Höfen und Leopoldplatz, wo es jede Menge Altbauwohnungen gibt, die meisten noch einigermaßen bezahlbar.

Kein Mangel an Kultur, nur an Grün

Vor der Erika-Mann-Schule

Vor der Erika-Mann-Schule

Kulturell ist der Kiez ebenfalls im Aufwind. Die Lesebühne Brauseboys und der Kulturverein Mastul e.V. müssen in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Sogar die Grundschule im Kiez, die Erika-Mann-Schule, geht ihre Lage mitten im sozial schwierigen Umfeld mit einem innovativen Schulkonzept und einer von Designern gestalteten Inneneinrichtung offensiv an. Zahlreiche kleine Galerien kommen und gehen in den vielen Ladengeschäften, die ein solches Altbauviertel nun mal zuhauf besitzt.

Nur an Grün mangelt es dem sehr großstädtischen Gebiet. Der nahe gelegene Schillerpark bietet sich an, aber dafür muss die verkehrsreiche breite Seestraße überwunden werden. Im Süden bietet der langgestreckte Leopoldplatz eine Alternative, doch durch die vielfältigen Nutzungen der Freifläche bleibt dort wenig Raum für Grünes. Dafür gibt es neue Spielplätze, Promenaden und die zwei Nazarethkirchen, von denen die neuere Kirche mit ihrem hohen Turm den Platz beherrscht. In den letzten Jahren ist dieser Stadtraum durch eine Ballung von gesellschaftlichen Randgruppen in Verruf geraten, doch ein Platzmanagement hat zu ersten Erfolgen geführt. Wenn man sich wieder gerne auf dem wichtigsten Platz des Wedding aufhalten mag, werden hoffentlich auch die angrenzenden Quartiere profitieren.

Und wen es woanders hinzieht – keine andere Stelle im Wedding bietet so gute Verkehrsanbindungen mit der BVG. Die Kreuzung zweier U-Bahn-Linien am Leopoldplatz, die Straßenbahn Richtung Prenzlauer Berg und viele Buslinien machen’s möglich. Aber eigentlich gibt es in diesem Viertel fast alles, was zum Leben in der Großstadt gehört.

Die Amsterdamer Straße

Die Amsterdamer Straße



Müllerstraße: Großer Boulevard mit Lackschäden

An der Müllerstraße ist der Lack ab

Urbane Hauptschlagader: Die Müllerstraße

Urbane Hauptschlagader: Die Müllerstraße

Die Müllerstraße, die über drei Kilometer lange, unangefochtene Hauptschlagader des Wedding, besitzt noch die Breite eines richtigen Boulevards. Ihr bescheidener Anfang als Sandpiste zwischen Tegel und Berlin ist ihr nicht mehr anzusehen. Wie andere Magistralen anderer Weltstädte führt sie schnurgerade aus den  Vororten direkt ins Herz der Innenstadt. Die Namen ihrer Verlängerungen, Chausseestraße und Friedrichstraße, haben auch überregional einen guten Klang. Unter dem Asphalt befördert die U-Bahn Pendler und Touristen in die City und wieder heraus. An der Seestraße und am Leopoldplatz ist zu jeder Tageszeit etwas los, und auch diese Kreuzungen liegen an der Müllerstraße. Verschwunden sind die Windmühlen, die ihr den etwas banal klingenden Namen gaben. Aber auch die Zeiten, in denen Tausende hier auf dem “Ku’damm des Nordens” entlangbummelten und einkauften, sind längst vorbei. Fachgeschäfte und Kaufhäuser waren bis in die 1990er Jahre das, was heute die Shoppingcenter am Gesundbrunnen und in Tegel darstellen – und der Müllerstraße heute an Kaufkraft abziehen. Nur dass eine sich ständig wandelnde Einkaufsstraße unter freiem Himmel, zumal mit tosendem Verkehr, um Längen urbaner ist als Einkaufszentren, die überall auf der Welt gleich aussehen. In die leer stehenden Geschäfte mit einst klangvollen Namen sind viele türkische Spezialitätenläden, aber auch Spielcasinos und Ein-Euro-Geschäfte gezogen. Einige wenige Leuchttürme sind aber geblieben, darunter die Karstadt-Filiale direkt am Leopoldplatz.

Ganz unten: die südliche Müllerstraße

Die St. Josephkirche zwischen der Lynar- und der Triftstraße

Die St. Josephkirche zwischen der Lynar- und der Triftstraße

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Der herbe Charme der südlichen Müllerstraße

Der herbe Charme der südlichen Müllerstraße

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An der Müllerstraße reihen sich die wenigen Sehenswürdigkeiten, die der Wedding besitzt, wie auf einer Perlenkette aneinander. Hat man den Industriestandort Bayer an der Ecke Fennstraße und den Ringbahnhof Wedding hinter sich gelassen, geht in der Häuserfront die in der rheinischen Romanik gestaltete St.Josephkirche, neben der Zentrale der Berliner SPD, beinahe unter. Die gegenüber liegende Agentur für Arbeit, ein schöner 50er-Jahre-Bau, ist da ein wesentlich markanteres Gebäude. Viel ist im Zweiten Weltkrieg von der gründerzeitlichen Bebauung nicht stehengeblieben.

Richtig geschäftig wird es wieder am Leopoldplatz. Gleich zwei Nazarethkirchen gibt es dort – die alte, schlichte turmlose Kirche noch von Schinkel im Jahr 1835 erbaut, die neue, protzig-höhere Kirche aus dem Jahr 1893 , gleich dahinter. Der vor den Kirchen liegende Platz ist Standort des ältesten Ökomarkts Berlins. Doch die Grünanlage, die sich einen halben Kilometer lang in nordöstlicher Richtung an den Platz anschließt, heißt ebenfalls Leopoldplatz und ist die grüne Lunge für mehrere Nachbarviertel. Mit neuen Spielplätzen und einer landschaftsgärtnerischen Gestaltung wird der Leopoldplatz derzeit aufgewertet. Doch auch gesellschaftliche Randgruppen, wie die Trinkerszene, finden einen Platz auf dem ausgedehnten Gelände.

Auf der westlichen Seite der Müllerstraße erkennt man hinter einem kleinen Vorplatz den Neubau des “Rathaus Wedding“, einen – typisch für die Zeit – schlichten Betonbau. Das an der Straße gelegene Backsteingebäude des Rathauses aus den 1920ern besitzt ebenfalls eine schlichte Eleganz. Der Abschnitt zwischen dem Leopoldplatz und der Seestraße ist unbestritten das lebendigste Teilstück der Straße. Viele Geschäfte, ein kleines Einkaufszentrum und einige bekannte Filialisten – von denen einer nur zufällig “Drogerie Müller” heißt – prägen hier das äußerst urbane Bild. An der Seestraße kreuzt nicht nur der zur Autobahn führende Straßenring um die Innenstadt, sondern auch die bislang einzige Straßenbahnstrecke im alten West-Berlin. Hier befindet sich auch das Kino Alhambra, heute ein modernes Multiplex-Filmtheater, das aber auf eine lange Geschichte zurückblickt.

Eine Straße als Sanierungsfall

Klassische 1920er Jahre am Rathaus-Altbau

Klassische 1920er Jahre am Rathaus-Altbau

Auch der oberflächliche Besucher von Weddings Boulevard merkt schnell: Der Lack ist ab. Die Müllerstraße hat zwar eine fantastische Lage in der nördlichen Innenstadt, mit einer herausragend guten Verkehrsanbindung in Autobahnnähe, mehreren U-Bahn-, Straßenbahn- und Buslinien.

Jedoch ist es an der Zeit, die Attraktivität der Straße zu erhöhen. Mit dem Programm “Aktives Zentrum Müllerstraße” versuchen der Bund und das Land zu retten, was zu retten ist. Seit 2011 ist die Müllerstraße Berlins größtes Sanierungsgebiet. Jetzt heißt es wegkommen von der 1970er-Jahre-Optik mit sperrigen Geländern in der betongesäumten Straßenmitte, Zementkübeln auf dem Gehweg und den plumpen Peitschenlampen. Ein Geschäftsstraßenmanagement soll die verbliebenen Einzelhändler miteinander vernetzen und Entwicklungen steuern. Radspuren sollen den Oberflächenverkehr entzerren, während die Gehsteige mit einer attraktiveren Gestaltung zur Erhöhung der “Verweildauer” potenzieller Kunden einladen sollen. Dass sich auch die Schaufenster wieder mit attraktiven Waren füllen, kann aber auch das beste Management nicht erzwingen.

Im Norden geht die Müllerstraße auch bergab

Tristesse in grau: die Müllerhalle

Tristesse in grau: die Müllerhalle

Die U-Bahn-Hauptwerkstatt Seestraße

Die U-Bahn-Hauptwerkstatt Seestraße

 

Die Ecke schlechthin, mit dem Kino Alhambra

Die Ecke schlechthin, mit dem Kino Alhambra

In Richtung Norden steigt die Müllerstraße aus dem “tiefen Wedding” in etwas bürgerlichere Gefilde. Gleich zwischen zwei großen Parks verläuft die Ausfallstraße hier. Einige pompöse Eckhäuser aus der Kaiserzeit mit Erkern und Türmchen bezeugen die aufstrebenden Pläne, die man mit dieser Gegend am Rand der alten Stadt Berlin hatte. Auf der westlichen Seite liegt das Afrikanische Viertel,das auf der östlichen Seite liegende Gebiet zum Schillerpark hin ist das Englische Viertel. Heute ist aber auch hier die lokale Geschäftsvielfalt bedroht. Einst ein kleines Nahversorgungszentrum, ist die “Müllerhalle” nur noch ein Abklatsch der einst lebendigen Markthalle. Einige wenige Händler harren in der halb leeren dunklen Halle aus und warten auf Kundschaft. In diesem Gebiet grenzt die Müllerstraße an ruhige Wohngebiete in Parknähe. Nur hinter dem Häuserblock Ungarn-, Edinburger-, Türken- und Müllerstraße versteckt sich eine riesige U-Bahn-Hauptwerkstatt aus den 1920er Jahren. Einige hundert Meter weiter nördlich befindet sich zudem ein BVG-Busbetriebshof mit sehr origineller expressionistischer Architektur, die ehemalige “Straßenbahnstadt”. Hier, kurz vor der Bezirksgrenze zu Reinickendorf, steht auch ein kleiner Eiffelturm – vor dem Centre Francais, einem 1961 errichteten französischen Kulturzentrum.

Und noch etwas ganz Besonderes verbirgt sich 200 Meter östlich der Müllerstraße: hinter dem lang gezogenen Schillerpark befindet sich mit der gleichnamigen Wohnanlage eine holländisch anmutende Siedlung der Moderne aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Seit 2008 besitzt das von Architekt Bruno Taut entworfene Ensemble sogar den Status “Weltkulturerbe“, den es mit fünf weiteren Siedlungen in Berlin teilt.

Unbestritten ist die Funktion der Müllerstraße als Verkehrsschneise durch den Wedding. Sie wird – auch zum Einkaufen – immer noch gebraucht, aber richtig gerne hält man sich nicht an ihr auf. Das schmälert keineswegs die Attraktivität der unmittelbar angrenzenden Viertel. Die Müllerstraße ist also ein wenig geliebtes verbindendes Element der Weddinger Kieze. Aber sie steht nicht für das weddingtypische Lebensgefühl – das findet man eher, wenn man die Müllerstraße in eine ihrer Seitenstraßen verlässt.

Daten zur Müllerstraße:

- Länge: 3,5 Kilometer

- Seit 1800 ist die Müllerstraße eine angelegte Straße. Sie führt unter anderen Namen in beiden Richtungen weiter.

- 1861 werden Wedding und Gesundbrunnen nach Berlin eingemeindet. Ab 1920 bildet der Wedding einen eigenen Bezirk in Groß-Berlin. 2001 werden Tiergarten und Wedding mit Mitte zum neuen Großbezirk Mitte zusammengefasst.

- 1907 eröffnen die Pharus-Säle in der Hausnummer 142.

- ab 1945 gehört der Wedding zum französischen Sektor von Berlin. Die französische Besatzungsmacht eröffnet 1961 das Centre Francais in der Hausnummer 74, ein Kultur- und Begegnungszentrum mit Kino und Hotel

- 2011 wird die Müllerstraße zum Sanierungsgebiet

- 2011 erscheint die Sonderpublikation “Die Müllerstraße”, herausgegeben vom Bezirksamt Mitte, vom Redaktionsteam der Zeitschrift “Der Wedding

Rezension der Zeitschrift “Die Müllerstraße”