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Vegan oder nicht – kein Problem an der Müllerstraße
Auf die Qualität kommt es an: nicht nur überzeugte Veganer werden im Imbiss “Falafel Dream 2010″ neben der Agentur für Arbeit zufriedene Gesichter machen. Auch wer sich für Fleischwaren interessiert, findet an der Müllerstraße eine Handwerksfleischerei mit Qualitätsbewusstsein.
Veganer Falafel-Imbiss bereichert das Angebot im Wedding
“Ich konzentriere mich in meinem Geschäft auf eine Sache, und das ist Falafel!” Der 33-jährige Wael Thib tüftelt seit Jahren an der richtigen Zusammensetzung dieser arabischen Spezialität aus Kichererbsenmus. Sein Rezept mit der geheimen Mischung der Gewürze verrät er zwar nicht, aber dennoch kann man nicht nur hervorragende Gerichte an seinem Imbisswagen verzehren. Der arabische Falafel-Spezialist bietet auch Falafel-Seminare im benachbarten Saal der Baptistengemeinde an. “Bei diesen Seminaren lernen sich viele Neu-Weddinger kennen”, erzählt der ideenreiche Gastronom: “Gemeinsam formt man die Bällchen, frittiert sie und sitzt insgesamt drei bis vier Stunden zusammen und unterhält sich.” Es gibt auch einige wenige Fleischgerichte in Halal-Qualität bei Wael Thib, aber Falafel steht in jeder Hinsicht im Mittelpunkt. “Ich lege Wert auf vegane Zutaten in höchster Qualität”, beschreibt der studierte Hotel-Betriebswirt bei einem Glas mit heißen Zimt-Tee sein Konzept. Er hat den Markt genau analysiert und beobachtet, dass im Moment viele Veganer aus Friedrichshain in den Wedding ziehen. Wael Thib glaubt trotzdem daran, dass seine Idee nicht nur an diesem Standort, sondern auch woanders funktioniert und denkt daher schon an Expansion. Im Gegensatz zu einem festen Restaurant mit hoher Miete kann der Imbissbetreiber problemlos den Standplatz wechseln: “Ich biete in Berlin und dem Umland auch mobiles Catering an. Aus dem Imbisswagen heraus bereite ich vor Ort für Hochzeiten, Betriebsfeiern oder Geburtstage arabische Spezialitäten zu”, erzählt der Weddinger, der selbst am Nauener Platz wohnt.
Ideen hat Wael Thib noch viele – die ziemlich schräge “Falafel-Flat”, mit zahllosen Rabatten für benachbarte Geschäfte, gibt es schon heute. Aber die immer verbesserte Rezeptur und Zubereitung sind und bleiben das zentrale Element des findigen Geschäftsmanns: für einen veganen Falafel, der 350 Kalorien zählt und unglaublich gut schmeckt. Ein vollwertiger Fleischersatz, auch für Fleischesser. Wer der Meinung ist, jeder Falafel sei doch im Grunde vegan, wird hier eines Besseren belehrt – die Sesamsoße wird nämlich bei Wael Thib, im Gegensatz zu vielen Falafelanbietern, nicht mit Joghurt gestreckt….
Falafel Dream 2010, Müllerstr. 14a, Tel. 0177 2501585, Mo-Do 11.30-22 Uhr,Fr 15-23 Uhr, Sa 13-22 Uhr, So 15-21 Uhr
Website mit Seminarangeboten, Speisekarte und Cateringservice
Neuland-Fleischerei an traditionsreichem Standort im Wedding
Doch wer nicht gerade überzeugter Veganer oder Vegetarier ist, dennoch Wert auf Qualität bei Fleisch oder Wurst legt, wird ein paar hundert Meter müllerstraßenaufwärts ebenfalls fündig. In der Hausnummer 156, gegenüber von Karstadt, befindet sich seit 1906 eine Fleischerei. Früher gab es solche Geschäfte ja noch an allen Einkaufsstraßen, aber heute haben sie Seltenheitswert. Doch nicht allein dadurch setzt sich die Fleischerei Bünger von der Supermarkt-Konkurrenz ab. Die Ware wird in “Neuland-Qualität” verarbeitet und im Laden oder gleich nebenan auch in einem Imbiss verkauft. “Neuland” ist übrigens seit 1988 ein Qualitätssiegel, das zwar nicht für “bio”, aber für erhöhte Standards in der artgerechten Tierhaltung steht. Das kostet deutlich mehr – dadurch konsumiert man Fleisch aber sicher bewusster. Und freundlicher bedient als am Tiefkühlregal beim Discounter wird man auf jeden Fall auch noch…
Neuland-Fleischerei Uwe Bünger, Müllerstr. 156, Mo-Fr 7-19 Uhr, Sa 8-15 Uhr
Leo wird wieder Platz
Die Weddinger haben’s schon gemerkt: Der Leopoldplatz verändert seit 2010 sein Gesicht. Vor Beginn des letzten Bauabschnitts stellte Architekt Frank von Bargen die anstehenden Maßnahmen vor.
Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn: die Trinker, die den Platz in den letzten Jahren bevölkerten, sind schon in einen eigenen Bereich hinter der Alten Nazarethkirche nahe der Schulstraße ausgewichen. Diese Zone erhält jetzt endlich eine Überdachung. Aber auch an weniger prominenten Stellen hat sich das Bild des Leopoldplatzes verändert: durch die Anlage des neuen Spielplatzes Burg Leopold, die baumbestandene Promenade an der Nazarethkirchstraße mit Trampolin und Schachbrett sowie die rote „Coladose“ mit dem kleinen Café. Jetzt ist der Platzbereich vor der Alten Nazarethkirche dran: wie die „Berliner Woche“ meldet, wird die 1985 aufgestellte, häufig zugemüllte Steinschale mit Springbrunnen verschwinden. Allzu oft hat die Fontäne ohnehin nicht gesprudelt. Aber keine Sorge: statt dessen soll es dann an 24 Düsen “Wasser marsch” heißen. Auf dem Leo wird es dann ein großflächiges Fontänenfeld geben – eine Art Kinderplanschenersatz mit Bänken. Gut so: denn die werden vom Bezirk fast vollständig weggespart.
1,1 Millionen Euro kosten die Aufwertungsmaßnahmen für den „Leo“ insgesamt. Schließlich ist dieser Platz (der ja eigentlich eine langgezogene Grünanlage ist), die einzige Stelle im Wedding, die man als das Zentrum des Ortsteils bezeichnen könnte. Durch die Kreuzung wichtiger Straßen und U-Bahn-Linien sowie dank des Karstadt-Warenhauses kommen hier auch viele Besucher erstmals mit dem Wedding in Kontakt. Da kann das Erscheinungsbild des Platzes doch sehr imageprägend wirken.
Fazit: Diese Maßnahmen kommen genau zur rechten Zeit. Es wird Zeit, dass dieser Platz nicht nur von Menschen “frequentiert” wird, die ihn benutzen müssen. Die Anlage dieses zentralen Punktes sollte auf jeden Fall auch Lust darauf machen, sich länger als unbedingt nötig dort aufzuhalten…
29. Februar, der geschenkte Tag auf der Müllerstraße
Unter dem Motto: „Ein geschenkter Tag“ (Schaltjahr 2012) wird der zusätzliche Tag des Jahres 2012 ganztägig gefeiert.
Über 60 Gewerbetreibende/Dienstleister/Einzelhändler an und um die Müllerstraße beteiligen sich an der Aktion mit besonderen Rabatten, kleinen Aufmerksamkeiten für die Kundschaft, besonderen Beratungsangeboten und Sprechstunden. Abgerundet wird der Aktionstag von einem kleinen Rahmenprogramm. Auch öffentliche und soziale Einrichtungen, wie das Bezirksamt Mitte, die Feuerwehr, die Polizei, der Mieterverein oder das Jugendhaus tragen dazu bei.
Am 29. Februar gibt es in der Müllerstraße nicht nur viele Sonderangebote: Der “geschenkte Tag” bietet auch einen Rahmen für das Zusammentreffen und Kennenlernen von Menschen. Solche Erfahrungen können kaum interessanter und spannender sein als auf der Müllerstraße, wo vielzählige Kulturen aufeinanderprallen. Zu erleben gibt es beispielsweise eine Jam-Session im Antiquitätenladen, eine Breakdance-Performance und eine Hip-Hop-Show im Kino-Foyer des Cineplex Alhambra, die Karate-Kids im Schillerpark-Center, eine Brautmodenschau im türkischen Brautmodengeschäft, das Bezirksamt zu Gast beim Mieterverein mit einer Ausstellung zum Fördergebiet, ein Feuerwehrauto vor dem Rathaus und Filmvorführungen im Café oder Supermarkt. Die Kontraste könnten schöner nicht sein: Haben Sie schon einmal ein Seminar zur Zubereitung veganer Falafel besucht? Oder gehen Sie zur Wurstverkostung bei der traditionellen Neulandfleischerei, zum Bücher-Verschenken ins polnische Restaurant, zur persönlichen Typenberatung bei H&M, zu kostenlosen Beratungsseminaren für Jungunternehmer beim Steuerberater, erkunden Sie die Welt Indonesiens im Indomarkt oder lassen Sie sich in die chinesische Naturheilkunde im Kräuterladen einführen. Und vergessen Sie die Kekstüte und den Luftballon für Ihre Kinder nicht.
Rund um die Müllerstraße gibt es eine Vielzahl engagierter Akteure. Dazu zählen Anwohner, soziale Einrichtungen, wie auch Gewerbetreibende und Behörden, die sich in bereits etablierten Runden Gedanken um die Zukunft ihres Stadtteils machen. Dazu zählen z.B. der Runde Tisch Leopoldplatz oder die Stadtteilvertretung Müllerstraße. Die Idee für den Aktionstag “ein geschenkter Tag” entstand beim zweiten vom Geschäftsstraßenmanagement Müllerstraße initiierten “Händlerfrühstück” Anfang Januar. (Quelle: Geschäftsstraßenmanagement Müllerstraße)
Eberhard Elfert gibt eine Fahrradtour „Die Geschichte und die Zukunft der Müllerstraße“. Dauer ca. 1 ½ Std., Maximal 20 Personen pro Tour. Kostenlose Teilnahme
Start: Weddingplatz, Ende: Gilmore‘s Café – Bar um 13 Uhr und um 16 Uhr, Anmeldung: eberhard.elfert@gmx.de
Das war 2011 im Wedding
Seit 150 Jahren, also seit 1861, gehört der Wedding zur Stadt Berlin. Gesichtslos und belanglos ist der Wedding dadurch nicht geworden: Noch immer kennzeichnen den Ortsteil einige Besonderheiten, die ihn im Berliner Stadtraum von anderen Bezirken unterscheiden.
Im Jahr 2011 zeichneten sich einige Veränderungsprozesse in Berlin-Wedding ab. Die Müllerstraße steht durch das Programm “Aktive Stadtzentren” im Fokus der Stadt- und Verkehrsplaner. Mit einem Geschäftsstraßenmanagement wird versucht, den schleichenden Niedergang der Straße, der sich auch 2011 fortgesetzt hat, aufzuhalten. Außerdem soll die Attraktivität der Müllerstraße als Einkaufsstraße erhöht werden. Die Betonkübel sind schon verschwunden. Die ersten Umbaumaßnahmen im Straßenverkehr werden 2012 starten, allerdings nur im Bereich der südlichen Müllerstraße. Immerhin: die Firma Karstadt ist gerettet, und auch der Standort am Leopoldplatz soll nicht geschlossen werden. Das C&A-Kaufhaus hingegen hat nach 32 Jahren geschlossen – mit noch nicht absehbaren Folgen für die übrige Geschäftswelt im Wedding. Auch der Umbau des Leopoldplatzes schreitet voran: die Trinkerszene wurde in einen sichtgeschützten Bereich zwischen den beiden Kirchen verlagert. Promenaden und Spielplätze haben eine Runderneuerung erfahren.
Im September fand das erste Wedding-Kulturfestival statt. Ein ganzes Wochenende lang konnten Einwohner und Besucher die ganze kulturelle Vielfalt des Ortsteils kennenlernen.
Schlagzeilen hat der Schillerpark im Jahr 2011 gemacht: im August explodierte eine Rohrbombe in einer Plastiktüte und verletzte einen Spaziergänger schwer. Sechs Wochen später wurde ein 44-jähriger dringend Tatverdächtiger aus dem Wedding festgenommen, der auch weitere Sprengsätze im Ortsteil gelegt haben soll. Positiv fiel der Schillerpark auch auf: im September wurde die Kinderplansche im neu wiederhergestellten Nordostteil des Parks an der Bristolstraße eingeweiht.Das Weltkulturerbe Siedlung Schillerpark hat nicht nur ein würdigeres Entrée, sondern endlich auch Gastronomie bekommen: im ehemaligen Toilettenhäuschen an der Dubliner Straße befindet sich jetzt ein Park-Café.
Zu erwähnen ist noch, dass in diesem Jahr die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte neu gewählt wurde. Der bisherige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke von der SPD ist auch der neue – er wurde mit den Stimmen der CDU wiedergewählt.
Schaufenstergucken mit Bildungseffekt
Bis Ende Januar 2012 werden in acht Schaufenstern entlang der Müllerstraße kurze Videobotschaften über die Müllerstraße gezeigt. Dabei zeigen die Planer, die ein Kommunikationskonzept für die Müllerstraße erarbeitet haben, ihre Ergebnisse. Die Anwohner und Passanten dürfen Ihre Meinung dazu sagen, entweder per E-Mail an feedback@anschlaege.de oder schriftlich – einfach eine Botschaft in die eigens aufgestellten Briefkästen in den Geschäften werfen. Ziel ist es bis zum Frühjahr Maßnahmen zu entwickeln, die dazu beitragen, dass sich die Weddinger stärker mit der Müllerstraße identifizieren. Erste Veränderungen haben schon begonnen!
Folgende Geschäfte entlang der gesamten Müllerstraße beteiligen sich an der Aktion:
Altinyayla Gözleme Evi, Müllerstraße 12 Gardinenhaus, Müllerstrasse 22 (S-Bahnhof Wedding)
Rostbratwurststand am Karstadt
Buchladen Belle et Triste, Amsterdamer Strasse 27 (U-Bhf Seestraße)
Majers Café, Müllerstrasse 113 (U-Bhf Rehberge)
Café Simit-Evi, Müllerstrasse 147 (am Bürgeramt)
Prime Time Theater, Burgdorffstraße 2 (S+U Bhf Wedding)
Schuh- und Schlüsseldienst Tepecik, Müllerstrasse 165
Mehr Infos unter www.muellerstrasse-aktiv.de
Müllerstraße: Großer Boulevard mit Lackschäden
Die Müllerstraße, die über drei Kilometer lange, unangefochtene Hauptschlagader des Wedding, besitzt noch die Breite eines richtigen Boulevards. Ihr bescheidener Anfang als Sandpiste zwischen Tegel und Berlin ist ihr nicht mehr anzusehen. Wie andere Magistralen anderer Weltstädte führt sie schnurgerade aus den Vororten direkt ins Herz der Innenstadt. Die Namen ihrer Verlängerungen, Chausseestraße und Friedrichstraße, haben auch überregional einen guten Klang. Unter dem Asphalt befördert die U-Bahn Pendler und Touristen in die City und wieder heraus. An der Seestraße und am Leopoldplatz ist zu jeder Tageszeit etwas los, und auch diese Kreuzungen liegen an der Müllerstraße. Verschwunden sind die Windmühlen, die ihr den etwas banal klingenden Namen gaben. Aber auch die Zeiten, in denen Tausende hier auf dem “Ku’damm des Nordens” entlangbummelten und einkauften, sind längst vorbei. Fachgeschäfte und Kaufhäuser waren bis in die 1990er Jahre das, was heute die Shoppingcenter am Gesundbrunnen und in Tegel darstellen – und der Müllerstraße heute an Kaufkraft abziehen. Nur dass eine sich ständig wandelnde Einkaufsstraße unter freiem Himmel, zumal mit tosendem Verkehr, um Längen urbaner ist als Einkaufszentren, die überall auf der Welt gleich aussehen. In die leer stehenden Geschäfte mit einst klangvollen Namen sind viele türkische Spezialitätenläden, aber auch Spielcasinos und Ein-Euro-Geschäfte gezogen. Einige wenige Leuchttürme sind aber geblieben, darunter die Karstadt-Filiale direkt am Leopoldplatz.
Ganz unten: die südliche Müllerstraße
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An der Müllerstraße reihen sich die wenigen Sehenswürdigkeiten, die der Wedding besitzt, wie auf einer Perlenkette aneinander. Hat man den Industriestandort Bayer an der Ecke Fennstraße und den Ringbahnhof Wedding hinter sich gelassen, geht in der Häuserfront die in der rheinischen Romanik gestaltete St.Josephkirche, neben der Zentrale der Berliner SPD, beinahe unter. Die gegenüber liegende Agentur für Arbeit, ein schöner 50er-Jahre-Bau, ist da ein wesentlich markanteres Gebäude. Viel ist im Zweiten Weltkrieg von der gründerzeitlichen Bebauung nicht stehengeblieben.
Richtig geschäftig wird es wieder am Leopoldplatz. Gleich zwei Nazarethkirchen gibt es dort – die alte, schlichte turmlose Kirche noch von Schinkel im Jahr 1835 erbaut, die neue, protzig-höhere Kirche aus dem Jahr 1893 , gleich dahinter. Der vor den Kirchen liegende Platz ist Standort des ältesten Ökomarkts Berlins. Doch die Grünanlage, die sich einen halben Kilometer lang in nordöstlicher Richtung an den Platz anschließt, heißt ebenfalls Leopoldplatz und ist die grüne Lunge für mehrere Nachbarviertel. Mit neuen Spielplätzen und einer landschaftsgärtnerischen Gestaltung wird der Leopoldplatz derzeit aufgewertet. Doch auch gesellschaftliche Randgruppen, wie die Trinkerszene, finden einen Platz auf dem ausgedehnten Gelände.
Auf der westlichen Seite der Müllerstraße erkennt man hinter einem kleinen Vorplatz den Neubau des “Rathaus Wedding“, einen – typisch für die Zeit – schlichten Betonbau. Das an der Straße gelegene Backsteingebäude des Rathauses aus den 1920ern besitzt ebenfalls eine schlichte Eleganz. Der Abschnitt zwischen dem Leopoldplatz und der Seestraße ist unbestritten das lebendigste Teilstück der Straße. Viele Geschäfte, ein kleines Einkaufszentrum und einige bekannte Filialisten – von denen einer nur zufällig “Drogerie Müller” heißt – prägen hier das äußerst urbane Bild. An der Seestraße kreuzt nicht nur der zur Autobahn führende Straßenring um die Innenstadt, sondern auch die bislang einzige Straßenbahnstrecke im alten West-Berlin. Hier befindet sich auch das Kino Alhambra, heute ein modernes Multiplex-Filmtheater, das aber auf eine lange Geschichte zurückblickt.
Eine Straße als Sanierungsfall
Auch der oberflächliche Besucher von Weddings Boulevard merkt schnell: Der Lack ist ab. Die Müllerstraße hat zwar eine fantastische Lage in der nördlichen Innenstadt, mit einer herausragend guten Verkehrsanbindung in Autobahnnähe, mehreren U-Bahn-, Straßenbahn- und Buslinien.
Jedoch ist es an der Zeit, die Attraktivität der Straße zu erhöhen. Mit dem Programm “Aktives Zentrum Müllerstraße” versuchen der Bund und das Land zu retten, was zu retten ist. Seit 2011 ist die Müllerstraße Berlins größtes Sanierungsgebiet. Jetzt heißt es wegkommen von der 1970er-Jahre-Optik mit sperrigen Geländern in der betongesäumten Straßenmitte, Zementkübeln auf dem Gehweg und den plumpen Peitschenlampen. Ein Geschäftsstraßenmanagement soll die verbliebenen Einzelhändler miteinander vernetzen und Entwicklungen steuern. Radspuren sollen den Oberflächenverkehr entzerren, während die Gehsteige mit einer attraktiveren Gestaltung zur Erhöhung der “Verweildauer” potenzieller Kunden einladen sollen. Dass sich auch die Schaufenster wieder mit attraktiven Waren füllen, kann aber auch das beste Management nicht erzwingen.
Im Norden geht die Müllerstraße auch bergab
In Richtung Norden steigt die Müllerstraße aus dem “tiefen Wedding” in etwas bürgerlichere Gefilde. Gleich zwischen zwei großen Parks verläuft die Ausfallstraße hier. Einige pompöse Eckhäuser aus der Kaiserzeit mit Erkern und Türmchen bezeugen die aufstrebenden Pläne, die man mit dieser Gegend am Rand der alten Stadt Berlin hatte. Auf der westlichen Seite liegt das Afrikanische Viertel,das auf der östlichen Seite liegende Gebiet zum Schillerpark hin ist das Englische Viertel. Heute ist aber auch hier die lokale Geschäftsvielfalt bedroht. Einst ein kleines Nahversorgungszentrum, ist die “Müllerhalle” nur noch ein Abklatsch der einst lebendigen Markthalle. Einige wenige Händler harren in der halb leeren dunklen Halle aus und warten auf Kundschaft. In diesem Gebiet grenzt die Müllerstraße an ruhige Wohngebiete in Parknähe. Nur hinter dem Häuserblock Ungarn-, Edinburger-, Türken- und Müllerstraße versteckt sich eine riesige U-Bahn-Hauptwerkstatt aus den 1920er Jahren. Einige hundert Meter weiter nördlich befindet sich zudem ein BVG-Busbetriebshof mit sehr origineller expressionistischer Architektur, die ehemalige “Straßenbahnstadt”. Hier, kurz vor der Bezirksgrenze zu Reinickendorf, steht auch ein kleiner Eiffelturm – vor dem Centre Francais, einem 1961 errichteten französischen Kulturzentrum.
Und noch etwas ganz Besonderes verbirgt sich 200 Meter östlich der Müllerstraße: hinter dem lang gezogenen Schillerpark befindet sich mit der gleichnamigen Wohnanlage eine holländisch anmutende Siedlung der Moderne aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Seit 2008 besitzt das von Architekt Bruno Taut entworfene Ensemble sogar den Status “Weltkulturerbe“, den es mit fünf weiteren Siedlungen in Berlin teilt.
Unbestritten ist die Funktion der Müllerstraße als Verkehrsschneise durch den Wedding. Sie wird – auch zum Einkaufen – immer noch gebraucht, aber richtig gerne hält man sich nicht an ihr auf. Das schmälert keineswegs die Attraktivität der unmittelbar angrenzenden Viertel. Die Müllerstraße ist also ein wenig geliebtes verbindendes Element der Weddinger Kieze. Aber sie steht nicht für das weddingtypische Lebensgefühl – das findet man eher, wenn man die Müllerstraße in eine ihrer Seitenstraßen verlässt.
Daten zur Müllerstraße:
- Länge: 3,5 Kilometer
- Seit 1800 ist die Müllerstraße eine angelegte Straße. Sie führt unter anderen Namen in beiden Richtungen weiter.
- 1861 werden Wedding und Gesundbrunnen nach Berlin eingemeindet. Ab 1920 bildet der Wedding einen eigenen Bezirk in Groß-Berlin. 2001 werden Tiergarten und Wedding mit Mitte zum neuen Großbezirk Mitte zusammengefasst.
- 1907 eröffnen die Pharus-Säle in der Hausnummer 142.
- ab 1945 gehört der Wedding zum französischen Sektor von Berlin. Die französische Besatzungsmacht eröffnet 1961 das Centre Francais in der Hausnummer 74, ein Kultur- und Begegnungszentrum mit Kino und Hotel
- 2011 wird die Müllerstraße zum Sanierungsgebiet
- 2011 erscheint die Sonderpublikation “Die Müllerstraße”, herausgegeben vom Bezirksamt Mitte, vom Redaktionsteam der Zeitschrift “Der Wedding“











