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“Nächste Ausfahrt”: Urbane Abenteuer im Wedding

Führung von Nächste Ausfahrt Wedding durch das Luisenbad

Führung von Nächste Ausfahrt Wedding durch das Luisenbad

Die sechste Reisesaison von Nächste Ausfahrt beginnt! Tourist sein in der eigenen Stadt, und sei es nur, dass Prenzlauer Berg-Bewohner einmal durch den Gleimtunnel gehen und sich im “wilden Wedding” umsehen. “Manchmal ist es echt unglaublich, dass wir nun schon 5 Jahre Nächste Ausfahrt Wedding hinter uns haben. Wer hätte auch geahnt, was so ein Feierabend-Bierchen vor dem Haus für verheerende Folgen haben kann”, sagen Tanja Kapp und Lothar Gröschel, die das Projekt erfunden und in den letzten Jahren zu einem großen Erfolg geführt haben.

Die von Ortskundigen geleiteten Führungen und Radtouren sind Entdeckungsreisen durch einen Berliner Ortsteil, der auch Ur-Berliner immer wieder zu überraschen vermag. Selbstironisch weisen die beiden Prenzlauer Berger darauf hin, wie sich ihr Leben durch eine ursprünglich ziemlich einfache Idee fundamental geändert hat. “Fünf Jahre Verwahrlosung unseres Privatlebens, kistenweise ungeöffnete Briefe, ein stetig schrumpfender Freundeskreis, Wäschedünen im Bad und Möbel mit Pelzüberzug in der ganzen Bude, das sind so ungefähr noch die softeren Nebenwirkungen”. Schuld ist der Wedding. Wer hätte gedacht, dass er so viele Themen bietet? Afrika im Wedding, Kleingärtner live, Kulinarischer Wedding, Gentrifzierung im Wedding, das Heilbad Gesundbrunnen – die Liste an Themen wird und wird nicht kürzer.

Jetzt beginnt die neue Saison – die Führungen richten sich an Weddinger, am Wedding Interessierte, weltoffene Prenzlauer Berger (und Bewohner anderer Bezirke) ohne Mauer im Kopf sowie Berlin-Besucher, die schopn “alles gesehen haben”.

Es lohnt sich, einmal auf der Website zu schauen!

Ähnlich und doch ganz anders: Gesundbrunnen

Die Swinemünder Brücke überspannt die Bahngleise

Die Swinemünder Brücke überspannt die Bahngleise

Hinterhaus in der Badstraße 36

Hinterhaus in der Badstraße 36

Gefühlt noch zum Wedding gehörig – was ja historisch nicht verkehrt ist, denn der Ortsteil war ja von 1920 – 2001 Teil des Bezirks Wedding – ist der Gesundbrunnen. Im Spannungsfeld zwischen Pankow, Prenzlauer Berg und Alt-Mitte liegt dieses bis vor kurzem noch mitleidig belächelte Viertel. Hier zeigt sich das ganze Auf und Ab eines Arbeiterviertels in vielleicht noch drastischerer Form als im heutigen Ortsteil Wedding, also das Gebiet westlich der Reinickendorfer Straße. Schaut man auf die Geschichte und den Ortsnamen Gesundbrunnen, kommt man um die Panke, ihre Mühle und das ehemalige Heilbad am Luisenbad nicht herum. Die Badstraße und die Brunnenstraße, die ganze Kieze prägen, verdanken dieser Mineralquelle ihren Namen. Leider ist der Born um 1890 herum endgültig versiegt und überbaut worden, so dass es heute wie ein Treppenwitz der Geschichte erscheint, dass sich reiche Adelige im 18. Jahrhundert zur Erholung in dieses Gebiet verirrt haben.

Das Luisenhaus erinnert an das Heilbad

Das Luisenhaus erinnert an das Heilbad

Anders als im Ortsteil Wedding hat sich nach der Wiedervereinigung viel im Gesundbrunnen getan, der auf drei Seiten von der Mauer umgeben war und 30 Jahre lang ein Schattendasein führte. Zunächst mit der Eröffnung des Gesundbrunnen-Einkaufscenters, ab 2006 dann mit der Eröffnung des Fern- und Regionalbahnhofs Gesundbrunnen ist dieses Viertel plötzlich wieder ins Bewusstsein der Berliner gerückt. Die Bewohner des Prenzlauer Bergs, sozial und ästethisch eine andere Welt, wagen sich (freiwillig oder unfreiwillig) immer öfter zum Einkaufen, zum Bahnfahren oder einfach aus Neugier in die Kieze am Gesundbrunnen. Schließlich sind die Mieten hier immer noch dramatisch niedriger als im Hochpreisviertel Prenzlauer Berg. Auch findet man im Gesundbrunnen die aufregendere Mischung, oft Menschen aus aller Herren Länder – für immer mehr Berliner ist das eine echte Alternative. Auf dem Standort des Druckoffsetmaschinenherstellers Rotaprint siedeln sich vermehrt Künstler an, und auf dem Gelände eines Busbetriebshofs ist mit den Uferhallen und den Uferstudios Ähnliches zu beobachten.

Der Soldiner Kiez in Gesundbrunnen war um 2000 herum auf dem absoluten Tiefpunkt in der öffentlichen Wahrnehmung – das hat sich geändert, seit viel öffentliches Geld in Image-, Gewerbe- und Kunstförderung gesteckt wurde. Heute wissen nicht nur die Kiezbewohner zu schätzen, dass die historische Bausubstanz und der hohe Grünanteil rund um die Panke eine besonders hohe Wohnqualität bieten.

Kurz: Gesundbrunnen ist der etwas schwierige Halbbruder des Wedding, oft mit den gleichen Problemen, hingegen mit dem ungleich höheren Potenzial, in den Sog seiner östlichen Nachbarbezirke zu geraten.

Die Uferstudios an der Panke

Die Uferstudios an der Panke

Ziemlich nah am Prenz’lberg: das “Gemischtwaren”

Das "Gemischtwaren" in der Eulerstraße

Das "Gemischtwaren" in der Eulerstraße

Designertaschen und Kinderkleidung im Wedding?

Schon seit neun Jahren wohnt Kerstin Janssen in der Eulerstraße, eine sehr ruhige Wohngegend zwischen der schneisenartigen Osloer Straße und dem Gesundbrunnencenter. Die Designerin, die mit Tita Berlin auch ein eigenes Taschen-Label besitzt, nutzt das Ladenlokal im Erdgeschoss seit einigen Jahren als ihr Atelier und hat die Veränderungen im Kiez hautnah miterlebt. “In den letzten Jahren sind hier in unmittelbarer Nähe sieben Kindergärten entstanden”, sagt die 43-Jährige, die selbst zwei Kinder hat. Die Eltern, oft aus Pankow oder Prenzlauer Berg, finden hier am Gesundbrunnen einen Kindergartenplatz für ihre Kleinen und entdecken dadurch den Kiez. “Die Leute ziehen ihrem Kindergartenplatz hinterher”, erzählt Kerstin Janssen. Schon jetzt ist es schwieriger geworden, eine bezahlbare Wohnung in diesem Teil des Wedding zu finden.

Nicht nur Kinderklamotten

Nicht nur Kinderklamotten

Rasant schnell verändert sich die Bewohnerschaft

Der Kiez ist in Bewegung geraten, das Straßenbild hat sich durch die vielen Kinder gewandelt. Und Kerstin Janssen ist Teil davon: “Ich bin ein Freund von Veränderungen”, sagt die Designerin, die früher selbst im bachbarten Prenzlauer Berg gewohnt hat. “Im Atelier zu arbeiten kann eine einsame Arbeit sein, und da habe ich die Idee gehabt, aus dem Raum einen Laden zu machen.” So ist das “Gemischtwaren” entstanden. In dem freundlich gestalteten Laden gibt es neben den Taschen, die Kerstin Janssen unter ihrem Label vermarktet, auch Kinder-Second Hand-Kleidung und Produkte anderer Designer.

Das Erstaunliche ist nicht, dass die Produkte natürlich ihren Preis haben, sondern, dass sie der Ladeninhaberin aus den Händen gerissen werden. “Das Geschäft, das ich im August 2011 eröffnet habe, läuft sehr gut”, sagt Kerstin Janssen. “Es ist so ein Tante-Emma-Effekt: die Leute schreiben hier an, man kennt sich und die Kinder.” Der Laden, das Umfeld und das Publikum erinnern an den Prenzlauer Berg Mitte der 1990er Jahre. Viele Kreative scheinen den nahe gelegenenen Ortsteil Gesundbrunnen mit noch niedrigen Mieten und schöner Altbausubstanz in rasender Geschwindigkeit für sich zu entdecken. Wenn aber junge türkische Mütter ab und zu auch mal ins “Gemischtwaren” hereinschauen, ist das der Beweis, dass sich dieser Kiez immer noch im Wedding befindet. Das lässt hoffen, dass nicht eines Tages alle alteingessenen Mieter verdrängt werden, sondern eine gute Mischung erhalten bleibt.

Kerstin Janssens Kunden kommen gezielt in ihren Laden, auch von weit her – nichts Ungewöhnliches für Menschen, die gutes Design schätzen. Dass es aber auch Laufkundschaft für einen Designerladen im Wedding gibt, zeigt das Ausmaß der Veränderungen.

Gemischtwaren (mit Online-Shop)

Eulerstr. 18 (nahe S+U Gesundbrunnen)

geöffnet Di 15-19 Uhr, Mi-Fr 9-14 Uhr

Weddings kleine Berlinale

Das originelle kleine Filmfestival “Kiezkieken” unter der Schirmherrschaft von Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke hat den Wedding vor die Linse genommen. Am Sonntag um 16.00 Uhr gibt es die Wedding-Werke zu bewundern:

ATZE Musiktheater
(Max-Beckmann-Saal)
Luxemburger Straße 20
13353 Berlin

Um 16.00 Uhr werden Kurzfilme aus dem Wedding gezeigt. Darunter auch der Film “Die Panke-Putze” über die Aufräumaktion von panke.info mit Grundschülern der Carl-Kraemer-Schule in Berlin-Gesundbrunnen.

Meine Frau, mein Haus, mein Boot!

Ersteres schaffen viele, das zweite ist mit viel Geld verbunden, aber das dritte ist das Allerleichteste auf der Welt! Bei der Panke-Regatta 2010 von panke.info e.V. wurden Kinder in wenigen Minuten zu Bootsbesitzern….

Hier wird gebastelt: vor der Bibliothek am Luisenbad

Nico hat auf seinem Schulweg einen Schatz gefunden. Er schimmerte wie Gold im Wasser, und der Grundschüler musste nur in die Panke greifen, um die zwei Armbänder herauszufischen. Seine Mutter, Jessica Rzepucha, geht jeden Morgen mit ihren beiden Söhnen die Panke entlang zur Carl-Kraemer-Grundschule in Gesundbrunnen. Da wollen es sich die drei Panke-Fans natürlich nicht entgehen lassen, an der Panke-Regatta teilzunehmen, die wieder an einem Samstagvormittag im September stattfindet.

Ralf Hertsch von panke.info e.V. steht an seinem Basteltisch wie ein Fels in der Brandung. Um ihn herum werden Stöcke gesägt und mit Draht zusammengebunden. Immer mehr Kinder kommen an diesem sonnigen Vormittag an die Bibliothek am Luisenbad, um Holzboote aus den von panke.info gestellten Holzästen und Stöcken zu basteln. „Das von panke.info gestellte Holz hat gerade so gereicht“, sagt Ralf Hertsch. „Immerhin hatten wir einen ganzen Fahrradanhänger voll vorbereitet!“ Aber auch aus buntem Papier können die Kinder an einem eigenen Stand Schiffe in verschiedenen Formen falten. Die aufwändigsten Schiffe sind oft Boote wie das des Pankower Schülers Johannes, der sein Segelschiff in einer Holzwerkstatt gebastelt und an diesem Morgen von zu Hause mitgebracht hat.

Technische Abnahme und Siegerehrung fanden vor der Bibliothek stattDie erste „Hürde“ für die Teilnehmer ist die technische Abnahme. Moderator Sören Marotz kommentiert jedes Schiff aus Papier oder Holz und stellt die Bootsbesitzer vor.  Für die Regattadurchläufe selbst begeben sich Kinder, Eltern und Zuschauer auf die kleine Fußgängerbrücke zwischen der Bibliothek und der Pankemühle nahe der Badstraße. Der Moderator steht schon im Wasser und bereitet die Zuschauer auf das Rennen vor. Die Helfer stapfen mit Gummistiefeln durch die Flusswindung, wo Stangen die Strecke markieren. Eine Sandbank heißt an diesem Tag  „Panke-Riff“, die kleinen Stromschnellen werden zu den „Luisenfällen“ erklärt.

Manche Boote lieferten sich ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen

Genug auf die Panke gestarrt: endlich werden die Schiffe zu Wasser gelassen! Die Strömung, die leichte Windung der Panke und auch der starke Wind an diesem Morgen lassen jeden Durchgang zu einer regelrechten Zitterpartie werden, die meistens mit einem überraschenden Sieger endet. An der Ziellinie, die aus einer Leine mit Luftballons besteht, fischen die Helfer die Boote wieder aus der Panke.

Die Regattateilnehmer – Boote wie Besitzer – stellen sich für jede Siegerehrung noch einmal auf und nehmen Haupt- sowie Trostpreise in Empfang. Tränen fließen keine, denn Dabeisein ist diesmal alles. Nicht nur die Kinder haben dabei ihren Spaß. „Ich bin an einem Bach aufgewachsen“, erzählt ein Weddinger Vater, der heute morgen aus der Zeitung von der Regatta erfahren hat und spontan vorbeigekommen ist. Er hätte nicht gedacht, dass man auch mitten in Berlin an einem Bach spielen kann.

Mehr Fotos gibt es auf panke.info!

Bürgermeister Hanke lässt sich von Sören Marotz die Regattastrecke zeigen„Heimat kann für die Menschen im Wedding das verbindende Element sein“ sagt  Mittes Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke, der für eine Stunde ebenfalls ans Luisenbad gekommen ist.„Und ein Fluss wie die Panke gehört für mich einfach zur Heimat“, findet Hanke. Auch er hat festgestellt, dass die Panke wieder stärker ins Bewusstsein der Bezirksbewohner gerückt ist.

„Uns ist es durch die Regatta gelungen,  Kinder an das Element Wasser heranzuführen“, erklärt Thorsten Haas, der die Regatta organisiert hat.  „Die Panke wird jetzt als Erlebnisraum wahrgenommen, der von Kindern und Familien aktiv im Alltag genutzt werden kann.“

Den Grundschüler Nico muss niemand mehr für die Panke begeistern. Er ist mit seinen Klassenkameraden in der Gruppe „Die Panke-Frösche“. Die Projektgruppe hat drei große grüne Papierschiffe ins Rennen geschickt, die sich aufgrund ihrer Größe nicht gegen die wendigere Konkurrenz durchsetzen konnte. Jetzt heißt es „Warten bis zum nächsten Mal“!

Neue Mental Map

Ich bin mit meiner Familie in das Viertel zwischen der Müllerstraße und den Rehbergen gezogen. Vorher haben wir auch schon auf dem Gebiet des alten Bezirks Wedding gewohnt, allerdings im Ortsteil Gesundbrunnen und nur einen Steinwurf von Pankow entfernt. In unserem neuen Umfeld, etwa vier Kilometer weiter westlich, sieht das Straßenbild auf den ersten Blick nur wenig anders aus: gründerzeitliche Bebauung wechselt sich mit Genossenschafts- oder 70er Jahre-Bauten ab, dazwischen findet sich mehr Grün als sonst in Berlin üblich. Menschen verschiedenster Herkunft und Hautfarbe, aber meist wenig vermögend (um es vorsichtig auszudrücken), bevölkern die Gehwege. Auch in Sachen Fluglärm haben wir uns kaum verbessert. Wedding halt.

Doch diese wenigen Kilometer reichen aus, um meine Landkarte der alltäglichen Wege radikal zu verändern. Wir kaufen jetzt fast nur noch auf der (oberen) Müllerstraße ein und nicht mehr in den austauschbaren Centern in Pankow und Gesundbrunnen. Mit dem Kaufhaus am Leopoldplatz hat man zumindest ein etwas gehobeneres Sortiment in der Nähe. Das Virchow-Klinikum und die Beuth-Hochschule sind akademische Leuchttürme im ansonsten recht bildungsarmen Weddinger Milieu – in Gesundbrunnen fehlt so etwas vollständig. Auch die Dimension der Grünflächen hat sich verändert: statt im übersichtlichen Pankower Bürgerpark verlaufe ich mich jetzt fast im 112 Hektar großen Volkspark Rehberge oder im kaum weiter entfernten Schillerpark.

Vorher ging es beschaulich zu: Der baulich schöne Soldiner Kiez an der Panke, das nur vier Straßenblöcke umfassende Nordbahnviertel und auch Alt-Pankow haben – jedes Viertel für sich – eine fast dörfliche Anmutung, wo man immer wieder den gleichen Gesichtern begegnet. An der schnurgeraden, lärmumtosten Müllerstraße und der Seestraße, der man den Boulevardcharakter stellenweise noch ansieht, wohnt man hingegen eindeutig in einer Großstadt.