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Afrikanisches Viertel: Info-Stele wird am 8. Juni enthüllt

Hier gibt es noch Kolonien

Die umstrittenen Straßennamen im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding, sogar die drei fragwürdigsten Lüderitzstraße, Nachtigalplatz und Petersallee, bleiben den Bewohnern erhalten. Darauf haben sich die Bezirkspolitiker nach der Wahl im vergangenen Jahr geeinigt. Gleichzeitig wird der Plan weiterverfolgt, das größte Gebiet mit kolonialen Straßennamen in Deutschland zu einem Lern- und Gedenkort zu entwickeln. Eine vom Bezirksparlament beschlossene Info-Stele ist inzwischen in Auftrag gegeben und durch die Künstlerin Helga Lieser fertiggestellt. Sie sollte schon im Monat März nahe des U-Bahnhofs Rehberge aufgestellt werden. Um den Stelen-Text hat es viele Querelen gegeben; letztlich hat man sich mühsam auf einen Kompromiss geeinigt, der zwei unterschiedlichen Sichtweisen auf die deutsche Kolonialgeschichte gerecht wird.

Politisches Gezänk hat das gesamte Verfahren begleitet und endet noch nicht einmal jetzt, wo die Info-Stele bereits fertig zur Aufstellung ist. Die Info-Stele wird jetzt am Freitag, den 8. Juni um 17 Uhr nach einer Verschiebung um mehrere Monate enthüllt. Nach den Einladung des Bezirksamts zur Enthüllung der Infosäule führt der Verein Berlin Postkolonial durch das Viertel. Standort der Säule: Otawistraße, nahe der Müllerstraße.

Mehr Infos zu den Straßennamen im Afrikanischen Viertel

Mehr Infos zu den Planungen zum Lern-und Gedenkort

Streichkonzert für Schuldenabbau

Der überschuldete Bezirk Berlin-Mitte setzt sich ein ambitioniertes Ziel. Wie die Berliner Woche in ihrer Ausgabe vom 2. Mai 2012 meldet, will der Bezirk bis Ende 2013 seine Altschulden von noch 6,6 Millionen Euro getilgt haben. Für den Wedding bedeutet die Streichliste des Bezirks: Verzicht auf eine neue Sporthalle und Cafeteria für das Lessing-Gymnasium und kein Anbau für Duschen und Umkleiden im Stade Napoléon hinter dem Volkspark Rehberge. Zunächst einmal werden auch die Terrassen im Schillerpark nicht saniert, meldet die Berliner Woche. Auch im laufenden Betrieb sollen die Ämter Kosten sparen – 2,5 Millionen Euro fallen weg, indem weniger Bäume gepflanzt, Plätze und Grünflächen weniger gepflegt, kaputte Spielgeräte nicht mehr ersetzt oder fünf Kinderplanschen geschlossen werden. Offiziell entscheiden das Bezirksparlament und das Abgeordnetenhaus wohl erst nach der Sommerpause über den Sparhaushalt.

Saubere Sache, unser Wedding

Kinder packen an, mit Greifern und Müllsäcken ausgestattet

Kinder packen an, mit Greifern und Müllsäcken ausgestattet

Die CDU Berlin will “Mit Sicherheit” mehr Ordnung schaffen. Der Verwahrlosung des öffentlichen Raums soll mit Abschreckung, höheren Bußgeldern und mehr Mülleimern staatlicher Aktionismus entgegengesetzt werden. Für mehr Bürgersinn sorgt das sicher nicht. Trotzdem gibt es auch heute schon Bewohner des Wedding, die sich auch mit eigenen Händen für die Sauberkeit ihres Kiezes engagieren. Im Brüsseler Kiez ist eine Bürgerinitiative schon seit Jahren am Thema Sauberkeit dran. Jetzt fand zum wiederholten Mal eine Putzaktion des Panke-Ufers statt und siehe da: über 30 Personen beteiligten sich an der zweiten “panke.putze” des Vereins panke.info am 19. April. Geputzt wurde die Wildnis vor der Bibliothek am Luisenbad.

Schon ein paar Tage zuvor hat der Verein einen ersten Frühjahrsputz in der Uferstraße organisiert, über den auch der RBB in der Abendschau berichtet hat. Und am 23. April ab 16.00 Uhr findet an der Brücke Gotenburger Straße die dritte Aufräumaktion statt, bei der auch der Bezirksstadtrat Carsten Spallek von der CDU erwartet wird.

Die diesjährige Aktion an der Bibliothek wurde gemeinsam mit der Freiwilligenagentur Wedding vorbereitet. “Zum achten Geburtstag der Freiwilligenagentur wollten wir etwas ganz Besonderes organisieren”, so Anna Asfandiar von der Vermittlungsstelle für Freiwillige.

Unterstützt wurden die Aktiven durch die Kinder des Kindergartens Villa Römer,  eine Hortgruppe der Wilhelm-Hauff-Schule, den Verein “Menschen helfen Menschen”, Mitarbeitern der Stadtbibliothek Mitte am Luisenbad und auch wieder durch die Kiezläufer des Quartiersmanagements Soldiner Straße. Die Kiezläuferin und gelernte Krankenschwester Anne Klein hatte auch dieses Jahr wieder viel zu tun. Sie war zuständig, die benutzten Spritzen aus dem Gebüsch aufzusammeln. “Die Kinder wurden zuvor eingewiesen, gefundene Spritzen nicht anzufassen, sondern einem Erwachsenen Bescheid zu sagen” erklärt Thorsten Haas, der die Umweltbildungsprojekte bei panke.info betreut. Kinder sind einfach die besten Multiplikatoren – vielleicht erklären sie ihren Eltern das nächste Mal, dass Müll in den Papierkorb und Elektroschrott in den Recyclinghof gehört. Bürgersinn sollte nicht durch Politik verordnet werden. Bürgersinn kann man durch Ausprobieren lernen!

panke.info Website

Helfen, den Kiez weiterzuentwickeln: die Zukunftswerkstatt im Paul-Gerhardt-Stift

Detail an der Fassade des Paul-Gerhardt-Stifts

Detail an der Fassade des Paul-Gerhardt-Stifts

Stadtplaner brauchen manchmal viel Fantasie. Für den Aktionsraum Wedding/Moabit, eins von fünf ausgewählten Gebieten Berlins, in dem schwerpunktmäßig Städtebauförderung betrieben wird, haben sich die Planer wohlklingende Namen für die einzelnen Viertel ausgedacht. So entstand auch der Name “Parkviertel“. Wo mag das sein? Nun, es ist das Gebiet zwischen dem Volkspark Rehberge und dem Schillerpark.
Am Freitag, den 23. März findet von 15- 20 Uhr im Paul-Gerhardt-Stift, Müllerstr. 56-58, eine Zukunftswerkstatt für das besagte Parkviertel statt. Bürger, Aktive und politisch Verantwortliche sollen in diesem Workshop die Stärken und Schwächen des Viertels herausarbeiten und Strategien entwickeln.

 

Das war 2011 im Wedding

Seit 150 Jahren, also seit 1861, gehört der Wedding zur Stadt Berlin. Gesichtslos und belanglos ist der Wedding dadurch nicht geworden: Noch immer kennzeichnen den Ortsteil einige Besonderheiten, die ihn im Berliner Stadtraum von anderen Bezirken unterscheiden.

Im Jahr 2011 zeichneten sich einige Veränderungsprozesse in Berlin-Wedding ab. Die Müllerstraße steht durch das Programm “Aktive Stadtzentren” im Fokus der Stadt- und Verkehrsplaner. Mit einem Geschäftsstraßenmanagement wird versucht, den schleichenden Niedergang der Straße, der sich auch 2011 fortgesetzt hat, aufzuhalten. Außerdem soll die Attraktivität der Müllerstraße als Einkaufsstraße erhöht werden. Die Betonkübel sind schon verschwunden. Die ersten Umbaumaßnahmen im Straßenverkehr werden 2012 starten, allerdings nur im Bereich der südlichen Müllerstraße. Immerhin: die Firma Karstadt ist gerettet, und auch der Standort am Leopoldplatz soll nicht geschlossen werden. Das C&A-Kaufhaus hingegen hat nach 32 Jahren geschlossen – mit noch nicht absehbaren Folgen für die übrige Geschäftswelt im Wedding. Auch der Umbau des Leopoldplatzes schreitet voran: die Trinkerszene wurde in einen sichtgeschützten Bereich zwischen den beiden Kirchen verlagert. Promenaden und Spielplätze haben eine Runderneuerung erfahren.

Im September fand das erste Wedding-Kulturfestival statt. Ein ganzes Wochenende lang konnten Einwohner und Besucher die ganze kulturelle Vielfalt des Ortsteils kennenlernen.

Schlagzeilen hat der Schillerpark im Jahr 2011 gemacht: im August explodierte eine Rohrbombe in einer Plastiktüte und verletzte einen Spaziergänger schwer. Sechs Wochen später wurde ein 44-jähriger dringend Tatverdächtiger aus dem Wedding festgenommen, der auch weitere Sprengsätze im Ortsteil gelegt haben soll. Positiv fiel der Schillerpark auch auf: im September wurde die Kinderplansche im neu wiederhergestellten Nordostteil des Parks an der Bristolstraße eingeweiht.Das Weltkulturerbe Siedlung Schillerpark hat nicht nur ein würdigeres Entrée, sondern endlich auch Gastronomie bekommen: im ehemaligen Toilettenhäuschen an der Dubliner Straße befindet sich jetzt ein Park-Café.

Zu erwähnen ist noch, dass in diesem Jahr die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte neu gewählt wurde. Der bisherige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke von der SPD ist auch der neue – er wurde mit den Stimmen der CDU wiedergewählt.

Jobcenter rein, Bürgeramt raus: Neues vom Rathaus Wedding

Der Rathausneubau aus den 1960er Jahren wird bald leerstehen - aber wohl nicht lange

Der Rathausneubau aus den 1960er Jahren

Des einen Freud, des anderen Leid: während nun feststeht, dass nicht die Beuth-Hochschule, sondern das Jobcenter Berlin-Mitte bis 2014 in den Hochhausturm des Rathauses Wedding an der Müllerstraße ziehen wird, muss das Bürgeramt im Erdgeschoss des Hochhauses seinen Platz räumen. Dies hat die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) beschlossen, wie das Berliner Abendblatt in seiner Ausgabe vom 24.12.2011 meldet. Das Bürgeramt wird dann noch im Jahr 2012 im Gebäude des Finanzamts Wedding direkt am U-Bahnhof Osloer Straße untergebracht.

Das Rathausgebäude muss saniert werden, wobei sich das Jobcenter an den Kosten beteiligt. Dafür wird der zentrale Standort an der Moabiter Sickingenstraße aufgegeben. Der Anteil des Bezirks Mitte an den Baukosten beträgt etwa 600.000 Euro, die vom Senat refinanziert werden. „Für den Bezirk entstehen also keine Kosten“, erklärte der für die bezirklichen Immobilien zuständige Stadtrat Ulrich Davids gegenüber dem Abendblatt.

Gute Nachrichten also für Alg II-Bezieher im Wedding. Wie die veränderten Besucherströme die Müllerstraße verändern, ist wohl noch nicht absehbar – und was aus der Beuth-Hochschule wird, auch nicht.

Müllerstraße: Großer Boulevard mit Lackschäden

An der Müllerstraße ist der Lack ab

Urbane Hauptschlagader: Die Müllerstraße

Urbane Hauptschlagader: Die Müllerstraße

Die Müllerstraße, die über drei Kilometer lange, unangefochtene Hauptschlagader des Wedding, besitzt noch die Breite eines richtigen Boulevards. Ihr bescheidener Anfang als Sandpiste zwischen Tegel und Berlin ist ihr nicht mehr anzusehen. Wie andere Magistralen anderer Weltstädte führt sie schnurgerade aus den  Vororten direkt ins Herz der Innenstadt. Die Namen ihrer Verlängerungen, Chausseestraße und Friedrichstraße, haben auch überregional einen guten Klang. Unter dem Asphalt befördert die U-Bahn Pendler und Touristen in die City und wieder heraus. An der Seestraße und am Leopoldplatz ist zu jeder Tageszeit etwas los, und auch diese Kreuzungen liegen an der Müllerstraße. Verschwunden sind die Windmühlen, die ihr den etwas banal klingenden Namen gaben. Aber auch die Zeiten, in denen Tausende hier auf dem “Ku’damm des Nordens” entlangbummelten und einkauften, sind längst vorbei. Fachgeschäfte und Kaufhäuser waren bis in die 1990er Jahre das, was heute die Shoppingcenter am Gesundbrunnen und in Tegel darstellen – und der Müllerstraße heute an Kaufkraft abziehen. Nur dass eine sich ständig wandelnde Einkaufsstraße unter freiem Himmel, zumal mit tosendem Verkehr, um Längen urbaner ist als Einkaufszentren, die überall auf der Welt gleich aussehen. In die leer stehenden Geschäfte mit einst klangvollen Namen sind viele türkische Spezialitätenläden, aber auch Spielcasinos und Ein-Euro-Geschäfte gezogen. Einige wenige Leuchttürme sind aber geblieben, darunter die Karstadt-Filiale direkt am Leopoldplatz.

Ganz unten: die südliche Müllerstraße

Die St. Josephkirche zwischen der Lynar- und der Triftstraße

Die St. Josephkirche zwischen der Lynar- und der Triftstraße

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Der herbe Charme der südlichen Müllerstraße

Der herbe Charme der südlichen Müllerstraße

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An der Müllerstraße reihen sich die wenigen Sehenswürdigkeiten, die der Wedding besitzt, wie auf einer Perlenkette aneinander. Hat man den Industriestandort Bayer an der Ecke Fennstraße und den Ringbahnhof Wedding hinter sich gelassen, geht in der Häuserfront die in der rheinischen Romanik gestaltete St.Josephkirche, neben der Zentrale der Berliner SPD, beinahe unter. Die gegenüber liegende Agentur für Arbeit, ein schöner 50er-Jahre-Bau, ist da ein wesentlich markanteres Gebäude. Viel ist im Zweiten Weltkrieg von der gründerzeitlichen Bebauung nicht stehengeblieben.

Richtig geschäftig wird es wieder am Leopoldplatz. Gleich zwei Nazarethkirchen gibt es dort – die alte, schlichte turmlose Kirche noch von Schinkel im Jahr 1835 erbaut, die neue, protzig-höhere Kirche aus dem Jahr 1893 , gleich dahinter. Der vor den Kirchen liegende Platz ist Standort des ältesten Ökomarkts Berlins. Doch die Grünanlage, die sich einen halben Kilometer lang in nordöstlicher Richtung an den Platz anschließt, heißt ebenfalls Leopoldplatz und ist die grüne Lunge für mehrere Nachbarviertel. Mit neuen Spielplätzen und einer landschaftsgärtnerischen Gestaltung wird der Leopoldplatz derzeit aufgewertet. Doch auch gesellschaftliche Randgruppen, wie die Trinkerszene, finden einen Platz auf dem ausgedehnten Gelände.

Auf der westlichen Seite der Müllerstraße erkennt man hinter einem kleinen Vorplatz den Neubau des “Rathaus Wedding“, einen – typisch für die Zeit – schlichten Betonbau. Das an der Straße gelegene Backsteingebäude des Rathauses aus den 1920ern besitzt ebenfalls eine schlichte Eleganz. Der Abschnitt zwischen dem Leopoldplatz und der Seestraße ist unbestritten das lebendigste Teilstück der Straße. Viele Geschäfte, ein kleines Einkaufszentrum und einige bekannte Filialisten – von denen einer nur zufällig “Drogerie Müller” heißt – prägen hier das äußerst urbane Bild. An der Seestraße kreuzt nicht nur der zur Autobahn führende Straßenring um die Innenstadt, sondern auch die bislang einzige Straßenbahnstrecke im alten West-Berlin. Hier befindet sich auch das Kino Alhambra, heute ein modernes Multiplex-Filmtheater, das aber auf eine lange Geschichte zurückblickt.

Eine Straße als Sanierungsfall

Klassische 1920er Jahre am Rathaus-Altbau

Klassische 1920er Jahre am Rathaus-Altbau

Auch der oberflächliche Besucher von Weddings Boulevard merkt schnell: Der Lack ist ab. Die Müllerstraße hat zwar eine fantastische Lage in der nördlichen Innenstadt, mit einer herausragend guten Verkehrsanbindung in Autobahnnähe, mehreren U-Bahn-, Straßenbahn- und Buslinien.

Jedoch ist es an der Zeit, die Attraktivität der Straße zu erhöhen. Mit dem Programm “Aktives Zentrum Müllerstraße” versuchen der Bund und das Land zu retten, was zu retten ist. Seit 2011 ist die Müllerstraße Berlins größtes Sanierungsgebiet. Jetzt heißt es wegkommen von der 1970er-Jahre-Optik mit sperrigen Geländern in der betongesäumten Straßenmitte, Zementkübeln auf dem Gehweg und den plumpen Peitschenlampen. Ein Geschäftsstraßenmanagement soll die verbliebenen Einzelhändler miteinander vernetzen und Entwicklungen steuern. Radspuren sollen den Oberflächenverkehr entzerren, während die Gehsteige mit einer attraktiveren Gestaltung zur Erhöhung der “Verweildauer” potenzieller Kunden einladen sollen. Dass sich auch die Schaufenster wieder mit attraktiven Waren füllen, kann aber auch das beste Management nicht erzwingen.

Im Norden geht die Müllerstraße auch bergab

Tristesse in grau: die Müllerhalle

Tristesse in grau: die Müllerhalle

Die U-Bahn-Hauptwerkstatt Seestraße

Die U-Bahn-Hauptwerkstatt Seestraße

 

Die Ecke schlechthin, mit dem Kino Alhambra

Die Ecke schlechthin, mit dem Kino Alhambra

In Richtung Norden steigt die Müllerstraße aus dem “tiefen Wedding” in etwas bürgerlichere Gefilde. Gleich zwischen zwei großen Parks verläuft die Ausfallstraße hier. Einige pompöse Eckhäuser aus der Kaiserzeit mit Erkern und Türmchen bezeugen die aufstrebenden Pläne, die man mit dieser Gegend am Rand der alten Stadt Berlin hatte. Auf der westlichen Seite liegt das Afrikanische Viertel,das auf der östlichen Seite liegende Gebiet zum Schillerpark hin ist das Englische Viertel. Heute ist aber auch hier die lokale Geschäftsvielfalt bedroht. Einst ein kleines Nahversorgungszentrum, ist die “Müllerhalle” nur noch ein Abklatsch der einst lebendigen Markthalle. Einige wenige Händler harren in der halb leeren dunklen Halle aus und warten auf Kundschaft. In diesem Gebiet grenzt die Müllerstraße an ruhige Wohngebiete in Parknähe. Nur hinter dem Häuserblock Ungarn-, Edinburger-, Türken- und Müllerstraße versteckt sich eine riesige U-Bahn-Hauptwerkstatt aus den 1920er Jahren. Einige hundert Meter weiter nördlich befindet sich zudem ein BVG-Busbetriebshof mit sehr origineller expressionistischer Architektur, die ehemalige “Straßenbahnstadt”. Hier, kurz vor der Bezirksgrenze zu Reinickendorf, steht auch ein kleiner Eiffelturm – vor dem Centre Francais, einem 1961 errichteten französischen Kulturzentrum.

Und noch etwas ganz Besonderes verbirgt sich 200 Meter östlich der Müllerstraße: hinter dem lang gezogenen Schillerpark befindet sich mit der gleichnamigen Wohnanlage eine holländisch anmutende Siedlung der Moderne aus der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Seit 2008 besitzt das von Architekt Bruno Taut entworfene Ensemble sogar den Status “Weltkulturerbe“, den es mit fünf weiteren Siedlungen in Berlin teilt.

Unbestritten ist die Funktion der Müllerstraße als Verkehrsschneise durch den Wedding. Sie wird – auch zum Einkaufen – immer noch gebraucht, aber richtig gerne hält man sich nicht an ihr auf. Das schmälert keineswegs die Attraktivität der unmittelbar angrenzenden Viertel. Die Müllerstraße ist also ein wenig geliebtes verbindendes Element der Weddinger Kieze. Aber sie steht nicht für das weddingtypische Lebensgefühl – das findet man eher, wenn man die Müllerstraße in eine ihrer Seitenstraßen verlässt.

Daten zur Müllerstraße:

- Länge: 3,5 Kilometer

- Seit 1800 ist die Müllerstraße eine angelegte Straße. Sie führt unter anderen Namen in beiden Richtungen weiter.

- 1861 werden Wedding und Gesundbrunnen nach Berlin eingemeindet. Ab 1920 bildet der Wedding einen eigenen Bezirk in Groß-Berlin. 2001 werden Tiergarten und Wedding mit Mitte zum neuen Großbezirk Mitte zusammengefasst.

- 1907 eröffnen die Pharus-Säle in der Hausnummer 142.

- ab 1945 gehört der Wedding zum französischen Sektor von Berlin. Die französische Besatzungsmacht eröffnet 1961 das Centre Francais in der Hausnummer 74, ein Kultur- und Begegnungszentrum mit Kino und Hotel

- 2011 wird die Müllerstraße zum Sanierungsgebiet

- 2011 erscheint die Sonderpublikation “Die Müllerstraße”, herausgegeben vom Bezirksamt Mitte, vom Redaktionsteam der Zeitschrift “Der Wedding

Rezension der Zeitschrift “Die Müllerstraße”

Hommage an eine Hauptschlagader: “Die Müllerstraße”

“Die Müllerstraße” – ein Sonderheft des Magazins “Der Wedding” ist am 18. Juni 2011 neu erschienen. Keine Überraschungen für Kenner dieser Straße- zum Glück!

Foto: S+U Bahnhof Wedding

Am südlichen Ende der Müllerstraße wird der Name des Ortsteils recht eindeutig erwähnt.

Julia Boeck und Axel Völcker haben ein Talent. Sie haben es mit ihrem Magazin „Der Wedding – Magazin für Alltagskultur“ schon mehrfach unter Beweis gestellt. Sie sind in der Lage, eigentlich schwer fassbare Dinge wie das Erscheinungsbild eines heterogenen Stadtviertels, seine Bewohner mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Lebensweisen mit historischen Fakten unter einen Hut zu bringen. Das Gesamtbild beschönigt nichts, sondern trifft den Nerv – genau so empfinden die meisten den Charakter des Wedding. Dafür bedienen sich die Macher des Magazins bewusst einer enormen Bandbreite von Stilmitteln.

Zweifellos trifft dies auch auf „Die Müllerstraße“ zu. Diese Ausgabe unterscheidet sich von den bisherigen Heften von „Der Wedding“ nur durch die monothematische Fokussierung auf eine letztendlich doch sehr lange Straße mit vielen Facetten. Das Durchblättern ist eine Freude: das Layout wirkt im Vergleich zum „Magazin für Alltagskultur“ ein wenig aufgeräumter mit weniger (dafür zeitlosen) Schriftarten und einer konsequenten, fast symmetrisch wirkenden Struktur. Die Porträts der letzten Traditionsgeschäfte an der Straße befinden sich genau in der Mitte, in einem etwas kleinformatigeren “Magazin im Magazin”.

Anlass für das Sonderheft war eine öffentliche Förderung: die gute alte Müllerstraße wurde zu einem riesigen Sanierungsgebiet erklärt, wodurch auch Mittel für die Herstellung dieses Magazins freigesetzt wurden. Da kommt dann auch schon mal der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung und hält ein Grußwort zur Veröffentlichung.

Zum Glück für die Leser konnten Boeck und Völcker dafür aus dem Vollen schöpfen. Diesen Eindruck hat man, wenn man die aufwändige Gestaltung der werbefreien Seiten beim Durchblättern wahrnimmt. Fast schon luxuriös viel Platz haben die teils ganzseitigen Fotos von ganz normalen Menschen in ihren Wohnungen, Traditionsläden oder in der Markthalle. Die Bilder führen zwar zu einer künstlerischen Überhöhung der Normalität, aber treffen immer noch den Charakter der Straße: „In den Achtzigern stehengeblieben“ steht im Begleittext. Man blättert, man schaut die Bilder an und denkt: genau so ist auch die Straße.

Wenn sich einst durch eine neue Müllerhalle, neue Stadtmöbel, die neue Bibliothek, neue Bewohner oder neue Cafés ihr Erscheinungsbild ändern sollte, werden wir froh sein, dass der heutige Zustand des einstigen „Boulevard des Nordens“ in diesem Magazin für immer festgehalten sein wird. Ist das Sanierungsvorhaben dann beendet und die Müllerstraße, wie wir sie heute kennen, längst Vergangenheit, ist zu hoffen, dass es dann eine weitere Ausgabe von „Die Müllerstraße“ geben wird. Auf die Fotos, die Porträts und die Grafiken freue ich mich schon jetzt.

Nur das Titelbild, ein Detail, das in einer Ecke des Traditionsgeschäfts “Hosen spezial” entstand, hätte doch etwas aussagekräftiger sein dürfen. Nichts ist von der Straße zu sehen, die doch den Daseinszweck der Zeitschrift darstellt.