Kategorie: stadtentwicklung

Afrikanisches Viertel: Info-Stele wird am 8. Juni enthüllt

Hier gibt es noch Kolonien

Die umstrittenen Straßennamen im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding, sogar die drei fragwürdigsten Lüderitzstraße, Nachtigalplatz und Petersallee, bleiben den Bewohnern erhalten. Darauf haben sich die Bezirkspolitiker nach der Wahl im vergangenen Jahr geeinigt. Gleichzeitig wird der Plan weiterverfolgt, das größte Gebiet mit kolonialen Straßennamen in Deutschland zu einem Lern- und Gedenkort zu entwickeln. Eine vom Bezirksparlament beschlossene Info-Stele ist inzwischen in Auftrag gegeben und durch die Künstlerin Helga Lieser fertiggestellt. Sie sollte schon im Monat März nahe des U-Bahnhofs Rehberge aufgestellt werden. Um den Stelen-Text hat es viele Querelen gegeben; letztlich hat man sich mühsam auf einen Kompromiss geeinigt, der zwei unterschiedlichen Sichtweisen auf die deutsche Kolonialgeschichte gerecht wird.

Politisches Gezänk hat das gesamte Verfahren begleitet und endet noch nicht einmal jetzt, wo die Info-Stele bereits fertig zur Aufstellung ist. Die Info-Stele wird jetzt am Freitag, den 8. Juni um 17 Uhr nach einer Verschiebung um mehrere Monate enthüllt. Nach den Einladung des Bezirksamts zur Enthüllung der Infosäule führt der Verein Berlin Postkolonial durch das Viertel. Standort der Säule: Otawistraße, nahe der Müllerstraße.

Mehr Infos zu den Straßennamen im Afrikanischen Viertel

Mehr Infos zu den Planungen zum Lern-und Gedenkort

Rehberge und Plötzensee: Rudern inmitten Weddings grüner Lunge

Baumgruppe am Stadion und an der Großen Spielwiese

Auf Sand gebaut

Das heutige Parkgelände ist Teil des früher ausgedehnten Waldgebietes Jungfernheide. Die sprichwörtliche märkische Streusandbüchse prägte das Landschaftsbild auf dem Gebiet des heutigen Volksparks Rehberge und des Goetheparks in besonderer Weise. Denn in der späten Eiszeit abgelagerter Flugsand hatte sich dort zu ganzen Sanddünen formiert. Darauf wuchsen zum Teil Kiefern und Eichen, doch spätestens nachdem diese nach dem ersten Weltkrieg von der frierenden Bevölkerung abgeholzt wurden, lag die Sandfläche komplett frei. Der Sand beeinträchtigte die benachbarten Wohngebiete erheblich – er war allenfalls als Scheuersand zu gebrauchen. “Der Volksausdruck Berliner Schnee, womit das Treiben des Flugsandes gemeint ist, schreibt sich von den Rehbergen her”, schrieb der Stadtrat Ernst Friedel im Jahr 1899. Es musste also etwas mit dieser Fläche geschehen….

Landschaftspark statt Völkerschau

In der allgemeinen kolonialen Euphorie war schon das benachbarte Afrikanische Viertel mit exotisch klingenden Straßennamen bedacht worden. Dazu passend hatte Carl Hagenbeck aus Hamburg die Idee, einen landschaftsbetonten Tierpark auf der sandigen Fläche zwischen diesem Viertel und dem Plötzensee anzulegen. Auch eine “Völkerschau”, nämlich die Zurschaustellung von Menschen anderer Hautfarbe in exotischen Siedlungen, war im Rahmen dieses Parkes vorgesehen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges machte dem Hamburger Unternehmer allerdings einen Strich durch die Rechnung.

Zwischen 1926 und 1929 wurde dafür als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für 1000 Arbeitslose der Volkspark Rehberge angelegt. Auf zunächst 70 Hektar nutzten die Gartenbaudirektoren Rudolf Germer und Erwin Barth die topographischen Gegebenheiten, um daraus eine anmutige Parklandschaft zu formen. Die zentrale Sicheldüne mit 17 Metern Höhenunterschied bildet einen Rücken, auf dessen höchstem Punkt 1930 der eigenwillige Rathenau-Brunnen (in Form einer Schraube) eingeweiht wurde. Nach Westen stellt das Gelände eine steilen Abhang mit einer Rodelbahn dar, während die Düne nach Nordosten in einer Kurve sanft abfällt. Der darauf befindliche Höhenweg überbrückt mit einer in Kalkstein eingefassten Brücke einen querenden Parkweg. Typisch für den Park ist der Wechsel von Baumgruppen, Wiesen und für Spiel und Sport nutzbaren Einrichtungen. Ein Stadion und eine große Spielwiese gehören ebenso dazu wie eine ziemlich zugewachsene Wiesenarena (“Tanzring”), Tennisplätze und eine Freilichtbühne. Im Volkspark Rehberge gibt es auch zwei Cafés, das Park-Café an der großen Wiese sowie die SchAtulle gegenüber des Freilichtkinos. Die Nutzung des Parks für Spiel und Sport war Teil des Konzepts, in dem die Verbesserung der Volksgesundheit eine zentrale Rolle spielte. Blickfang der Promenade, die unter einer Brücke hindurch zur Spielwiese führt, ist eine Bronzeplastik aus dem Jahr 1906 von Wilhelm Haverkamp. Kurios: die “Ringergruppe” wurde 1935 aus dem Schillerpark hierher versetzt, während das abstrakte Rathenaudenkmal 1941 für eine Kopie des Schillerdenkmals eingeschmolzen wurde, die heute im Schillerpark steht. Erst 1987 wurde das Rathenaudenkmal anhand von Fotos nachgebildet.

Charakteristisch für die inzwischen 115 Hektar große Gesamtanlage ist die Einbeziehung der gleichzeitig angelegten Kleingärten, seinerzeit die erste Dauerkleingartenanlage Berlins. Den benachbarten etwas älteren Goethepark (1924), von dem der Volkspark Rehberge durch die Transvaalstraße getrennt ist, nimmt man als Bestandteil der gesamten Grünanlage wahr. Nach Westen ist der Park immer wieder durch Zukäufe und die Entwidmung von Friedhofsflächen erweitert worden, so dass heute auch der Plötzensee mit seinem Uferweg als landschaftliche Einheit mit den Rehbergen wirkt.

Sieben Hektar Wasser

Weddings Haussee: der Plötzensee

Weddings Haussee: der Plötzensee

Überhaupt, der Plötzensee: 740 Meter lang und 7,85 Hektar groß ist er ein natürliches Gewässer – ganz im Gegensatz zu den drei kleineren Seen Möwensee, Sprerlingssee und Entenpfuhl am Nordostrand des Volksparks, die aus einer Moorniederung hervorgegangen sind. In ein Zu- und Abflusssystem ist der Plötzensee nicht eingebunden – auch er ist ein Relikt der Eiszeit. Früher war der See für seinen Fischreichtum bekannt (daher auch die Bezeichnung nach dem Karpfenfisch Plötze). Seit 1891 gibt es an seinem Westufer ein Freibad, das in seiner heutigen Form im Stil der Neuen Sachlichkeit seit 1928 existiert. Die denkmalgeschützte Anlage ist in U-Form errichtet. An der Südspitze des Plötzensees nahe an der Autobahn Seestraße, gibt es eine kleine Kneipe im Bootshaus, die Fischerpinte. Dort werden Tretboote und Ruderboote verliehen, wovon viele Weddinger an Sommertagen regen Gebrauch machen. An der Ostseite ist ein Park mit einer großen Sonnenterrasse angelegt worden, von wo aus man einen direkten Blick auf das Freibad hat.

Der Plötzensee gehört im Gegensatz zum Wedding, der schon 1861 nach Berlin eingemeindet wurde, erst seit 1915 zu Berlin. Die Gegend ist Schauplatz einiger denkwürdiger Ereignisse. So begann Wilhelm Voigt sein Husarenstück als “Hauptmann von Köpenick” justament an der Militärbadeanstalt Plötzensee, wo er am 16. Oktober 1906 fünf Soldaten unter seinen Befehl stellte – um dann die Stadtkasse von Köpenick zu beschlagnahmen.

Plötzensee ist auch der Name der benachbarten Justizvollzugsanstalt, die im Dritten Reich eine besonders unrühmliche Rolle spielte. In unmittelbarer Nähe des Gefängnisses befindet sich eine Gedenkstätte für die Opfer, die in Plötzensee ihr Leben ließen.

Volkspark Rehberge: U 6 Rehberge; BUS 221 (Otawistraße), Freibad Plötzensee, TRAM M13 / 50 (Virchow-Klinikum)

Abschied von der Müllerhalle

Die Türen sind schon verschlossen, die Leuchtreklamen abmontiert: die Weddinger Müllerhalle atmet ihre letzten Züge und haucht wohl noch in diesem Monat ihr Leben aus. In der Berliner Zeitung wird noch einmal die besondere Atmosphäre dieses dunklen Ortes an der Müllerstraße gewürdigt; auch die letzten Geschäftsleute äußern sich noch einmal:

http://www.berliner-zeitung.de/berlin/ein-kleines-stueck-berlin-wedding-abschied-aus-der-muellerhalle,10809148,15241146.html

Müllerhalle ade, willkommen Kaufland!

Sogar die Süddeutsche Zeitung widmet dieser Institution eine melancholische Fotoserie.

Freilichtbühne Rehberge: Nur Kino hat Saison

„Angezündete Müllcontainer, herausgerissene Kabel, Glasscherben und verrottete Requisiten. Zwischen den Sitzbänken sind schon kleine Birken- und Kiefernbäume gewachsen. Unkraut schießt in die Höhe. Zwei große Graffitibilder sind auf die Bühnenwände gesprüht. Die Tür des kleinen Holzhäuschens am oberen Bühnenrand ist aufgebrochen. Kerzenstümpfe, leere Flaschen, ein Paar Schuhe und eine Decke liegen auf dem Boden – für Privatpartys mit Lagerfeuer und als Notunterkunft für Obdachlose taugt die Freilichtbühne allemal.“ So schrieb die Berliner Zeitung am 9.3.2001 über den verlassenen Ort in den Rehbergen. Wer die zauberhafte Freilichtbühne kennt, die sich seit 1935 sanft in die Sanddünen im nördlichen Teil des Volkspark schmiegt und es an Charme fast mit der Waldbühne aufnehmen kann, wird feststellen, dass es dort heute gänzlich anders aussieht.

Theateraufführungen, Diskos und Konzerte finden jedoch heute auch noch nicht wieder statt. 1946 wurde den Berlinern noch “Was ihr wollt” von William Shakespeare geboten. Und 1980 führte eine Theatergruppe einen Monat lang “Die lustigen Weiber von Windsor” auf. Nina Hagen trat in den achtziger Jahren ebenfalls auf dieser Bühne auf. Der bauliche Zustand der Bühne ließ indes immer weiter zu wünschen übrig. Dem Bezirk Wedding fehlte einfach das Geld für notwendige Reparaturen. Die Bühne wurde daher nur noch selten für Veranstaltungen genutzt. Erneute Versuche des Bezirkes, die Bühne zu nutzen, scheiterten kläglich. Das Bezirksamt verkaufte die Bühne schließlich 2007 für einen Euro.

Der neue Besitzer ist Theaterproduzent Bernd Motschmann. Er ließ die Bühne für 150 000 Euro denkmalgerecht sanieren. Und so konnte im Jahr 2009 der „Räuber Hotzenplotz“ in den Rehbergen aufgeführt werden– das Stück, mit dem Bernd Motschmann schon einmal eine heruntergewirtschaftete Freilichtbühne in Lübeck zum Laufen gebracht hatte.

Im gleichen Jahr begann auch der Betrieb des Freilichtkinos unter der Leitung von Piffl Medien. Diese bewerben “das schönste Kino” im Berliner Norden wie folgt: „1.500 Plätze unterm Sternenhimmel laden zum entspannten Filmvergnügen ein. In lauen Sommernächten bieten wir eine abwechslungsreiche Mischung aus Hollywood und Independent Kino Entdecken Sie aktuelle Highlights, holen Sie die verpassten Kinoerfolge des letzen Jahres nach und genießen Sie die unvergänglichen Meilensteine der Filmgeschichte.“ Der Fluglärm, der das Filmvergnügen mitunter störte, fällt leider auch in dieser Saison noch nicht weg.

Aber sei’s drum: am 25. Mai beginnt wieder eine Kino-Saison in der Freilichtbühne Rehberge. Nur Theater, das wird dort auch in diesem Jahr wieder nicht geboten. Die Berliner Woche kann in ihrer Ausgabe vom 16. Mai die Enttäuschung darüber nicht verbergen: „Zu den Gründen, warum es in diesem Jahr schon wieder nicht geklappt hat mit einem Ensemble, sagt Motschmann nichts.“

Trotzdem: es ist schön, dass die Freilichtbühne wieder genutzt wird. „Zerstört“ und zugemüllt wird sie allenfalls noch bei der Aufführung der „Rocky Horror Picture Show“ im Spätsommer. Und gleich gegenüber gibt es mit der „SchAtulle“ auch wieder Gastronomie am Standort des früheren Parkrestaurants „Gulliver“. – Die Rehberge sind wieder ein Anlaufpunkt für Veranstaltungen – ob mit oder ohne Theateraufführungen!

Programm des Freiluftkinos im Jahr 2012

Über die Geschichte des Volksparks Rehberge

Leo wird wieder Platz

Die Weddinger haben’s schon gemerkt: Der Leopoldplatz verändert seit 2010 sein Gesicht. Vor Beginn des letzten Bauabschnitts stellte Architekt Frank von Bargen die anstehenden Maßnahmen vor.

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Die alte Nazarethkirche übersieht man leicht

Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn: die Trinker, die den Platz in den letzten Jahren bevölkerten, sind schon in einen eigenen Bereich hinter der Alten Nazarethkirche nahe der Schulstraße ausgewichen. Diese Zone erhält jetzt endlich eine Überdachung. Aber auch an weniger prominenten Stellen hat sich das Bild des Leopoldplatzes verändert: durch die Anlage des neuen Spielplatzes Burg Leopold, die baumbestandene Promenade an der Nazarethkirchstraße mit Trampolin und Schachbrett sowie die rote „Coladose“ mit dem kleinen Café. Jetzt ist der Platzbereich vor der Alten Nazarethkirche dran: wie die „Berliner Woche“ meldet, wird die 1985 aufgestellte, häufig zugemüllte Steinschale mit Springbrunnen verschwinden. Allzu oft hat die Fontäne ohnehin nicht gesprudelt. Aber keine Sorge: statt dessen soll es dann an 24 Düsen “Wasser marsch” heißen. Auf dem Leo wird es dann ein großflächiges Fontänenfeld geben – eine Art Kinderplanschenersatz mit Bänken. Gut so: denn die werden vom Bezirk fast vollständig weggespart.

1,1 Millionen Euro kosten die Aufwertungsmaßnahmen für den „Leo“ insgesamt. Schließlich ist dieser Platz (der ja eigentlich eine langgezogene Grünanlage ist), die einzige Stelle im Wedding, die man als das Zentrum des Ortsteils bezeichnen könnte. Durch die Kreuzung wichtiger Straßen und U-Bahn-Linien sowie dank des Karstadt-Warenhauses kommen hier auch viele Besucher erstmals mit dem Wedding in Kontakt. Da kann das Erscheinungsbild des Platzes doch sehr imageprägend wirken.

Fazit: Diese Maßnahmen kommen genau zur rechten Zeit. Es wird Zeit, dass dieser Platz nicht nur von Menschen “frequentiert” wird, die ihn benutzen müssen. Die Anlage dieses zentralen Punktes sollte auf jeden Fall auch Lust darauf machen, sich länger als unbedingt nötig dort aufzuhalten…

Fahr Rad in Wedding

Die Müllerstraße hat soeben zwischen der Kreuzung Afrikanische Straße und der Seestraße, also nur in ihrem nördlichen Abschnitt, Fahrradstreifen spendiert bekommen, auch für die südliche Müllerstraße sind für 2012/2013 Radspuren geplant. Eine baldige Sanierung für die maroden Radwege an der Seestraße ist angekündigt. Diese bieten Abenteuer pur, da man nicht weiß, ob man ihre Benutzung unbeschadet übersteht. Oder der geschundene Drahtesel. Sollte das Fahrrad einmal ein Zipperlein haben, oder komplett überholt werden müssen, sind Fachgeschäfte und Werkstätten gefragt.

Doch wie sieht es im Wedding mit Fahrradläden aus? Eure Erfahrungen, Ergänzungen und Kommentare sind hochwillkommen!

 

 

 

 

 

Liste der Fahrradläden und Fahrradwerkstätten in Wedding

Antonkiez: Radhaus Wedding oHG
Schererstraße 5

Tel.: 4551041

www.radhaus-wedding.de Mail: Radhaus.Wedding@t-online.d

Brüsseler Kiez: RAD-CORE
Brüsseler Str. 46

Tel.: 3 96 52 83, Fax : 3 96 52 8 www.rad-core-berlin.de, Mail: info@rad-core-berlin.de

Sprengelkiez: Radsport/Sportrad Weik

Torfstr. 16A (U-Bhf Amrumer Str.)

Tel.: 45 08 41 20, Website

Antonkiez: Barabella

Schulstr. 16, 2. Hinterhof

01578 5442664

Afrikanisches/Englisches Viertel: Fahrradladen

Müllerstr. 98 (U-Bhf Afrikanische Str., gegenüber BVG)

Tel.: 45 97 26 91

Afrikanisches Viertel: Francis Fahrradservice

Seestr. 103-104 (nahe Togostraße), Spezialgebiet: Aufarbeitung gebrauchter Fahrräder

Telefon: 25323323, Fax: 25323322

www.ffs-fahrrad.de Mail: f.mandra@arcor.de

Englisches Viertel: Fahrrad Köhler
Müllerstr. 58a  Ecke Barfusstr. (U-Bhf Rehberge)

Streichkonzert für Schuldenabbau

Der überschuldete Bezirk Berlin-Mitte setzt sich ein ambitioniertes Ziel. Wie die Berliner Woche in ihrer Ausgabe vom 2. Mai 2012 meldet, will der Bezirk bis Ende 2013 seine Altschulden von noch 6,6 Millionen Euro getilgt haben. Für den Wedding bedeutet die Streichliste des Bezirks: Verzicht auf eine neue Sporthalle und Cafeteria für das Lessing-Gymnasium und kein Anbau für Duschen und Umkleiden im Stade Napoléon hinter dem Volkspark Rehberge. Zunächst einmal werden auch die Terrassen im Schillerpark nicht saniert, meldet die Berliner Woche. Auch im laufenden Betrieb sollen die Ämter Kosten sparen – 2,5 Millionen Euro fallen weg, indem weniger Bäume gepflanzt, Plätze und Grünflächen weniger gepflegt, kaputte Spielgeräte nicht mehr ersetzt oder fünf Kinderplanschen geschlossen werden. Offiziell entscheiden das Bezirksparlament und das Abgeordnetenhaus wohl erst nach der Sommerpause über den Sparhaushalt.

Im Wedding wird’s ungemütlich

Bisher war in Berlin klar: die Walpurgisnacht bzw. den Maifeiertag konnte man zu Hause, im Grünen, auf Gewerkschaftskundgebungen, im Mauerpark oder in Kreuzberg verbringen.

In diesem Jahr wird es anders. Denn es sind – unter dem Motto “Die Gentrifizierung wandert in Richtung Wedding” – auch zwei Demos in unserem Ortsteil angemeldet worden. Die gehören hier, so die Veranstalter, rein räumlich auch hin. Denn der Senat und Investoren stünden bereits in den Startlöchern, um das Schmuddelkind Wedding mit viel Geld aufwerten zu lassen. Quartiersmanagements, Hausbesitzer und Gremien engagierter Bürger: nach dieser Logik handeln sie alle, die etwas im Kiez verändern wollen, grundfalsch. Ihre Bestrebungen führen letztendlich nur dazu, dass die heutigen Bewohner des Wedding verdrängt werden. Die Bevölkerungsverschiebungen des Prenzlauer Berg könnten sich, so die zwangsläufige Folge, im großen Stil auch hier wiederholen.

Gleich zwei Demos im Wedding

Bis jetzt schien diese Logik weitestgehend dem Reich der Theorie anzugehören. Lag der Wedding bislang eher als Mauerblümchen im Windschatten dieser unbestreitbaren Entwicklung, wird er in diesem Jahr nun endgültig von der Realität eingeholt.  Doch den Organisatoren der Walpurgisnacht-Demos sei Dank: der “Rote Wedding” soll es, stellvertretend für alle Verdrängten dieser Stadt, diesmal allen so richtig zeigen. Gelegenheiten dafür bieten das Openair-Konzert und die Kundgebung: “Antikapitalistische Walpurgisnacht”ab 14.30, S-Bhf. Wedding / Ruheplatzstr. / Adolfstr. und die Revolutionäre 30. April-Demo: “Nimm was Dir zusteht!” ab 21.00 Uhr, S-/U-Bhf. Wedding. Hier wird die genaue Route gezeigt. Sind es wirklich die Weddinger, die sich für diese Position einsetzen – oder eher Bewohner anderer Ortsteile, die den Wedding nur als Schauplatz nutzen?

Aufgeschreckt durch die plötzliche Aufmerksamkeit, die unser bislang wenig beachtete Ortsteil auf einmal erfährt, haben der Förderverein Brüsseler Kiez, die Stadtteilvertretung Müllerstraße und der Runde Tisch Leopoldplatz eine gemeinsame Erklärung verfasst. Darin erklären diese Institutionen, sich mit den Initiatoren der Veranstaltung bzw. der Demonstration einig zu sein, dass die jüngsten Entwicklungen der Mieten auch im Wedding in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Situation der Bewohner steht und eine Verdrängung ernsthaft zu befürchten sei. “Wir setzen hier auf intensive politische Gespräche und begrüßen in diesem Zusammenhang grundsätzlich auch friedliche Demonstrationen als probate rechtsstaatliche Mittel des Protestes”, erklären Verein und Stadtteilvertretung. Allerdings lehnen sie sämtliche Formen der Gewalt gegen Dinge oder Menschen – durch wen auch immer initiiert – ausdrücklich ab. Gewalt oder Sachbeschädigung, etwa gegen das Gebäude der Arbeitsagentur, können und wollen die Veranstalter der Demos selbst auch nicht ausschließen. Es ist also keine maßlose Übertreibung, wenn in der Erklärung der Weddinger Bürgergremien die Befürchtung geäußert wird, es könne nun auch im Wedding zu Gewaltausbrüchen kommen, wie es in anderen Berliner Stadtteilen in der Vergangenheit immer wieder passiert ist. Schließlich gibt es tatsächlich das Phänomen des “Krawalltourismus”, den natürlich niemand im Kiez haben möchte.

Aus für den Wedding, wie wir ihn kannten?

Ist der Wedding tatsächlich der letzte noch nicht gentrifizierte Stadtteil der Innenstadt? Und sollen hier die Fehler, die woanders gemacht wurden und werden, in einer Art Stellvertreterkrieg durch massive Proteste verhindert werden? Sind die wenigen engagierten Anwohner und Bürger automatisch Wegbereiter ihrer eigenen Verdrängung aus dem Kiez?

Fragen, die wir mit Blick auf Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Neukölln aus der sicheren Distanz stellen durften, ohne sofort eine Antwort zu bekommen. Man konnte sich bis gerade eben noch gemütlich bei Gutes Wedding Schlechtes Wedding im Theatersessel zurücklehnen und herzhaft über die überdrehten Bewohner anderer Bezirke lachen. Aus und vorbei? Jetzt wird der Wedding schneller als erwartet in die Gentrifizierungsdebatte dieser Stadt katapultiert. Im Wedding wird’s ungemütlich!

Presseschau Walpurgisnacht bis 29.04 um 03 Uhr (Zusammenstellung: E.Elfert)

“Nächste Ausfahrt”: Urbane Abenteuer im Wedding

Führung von Nächste Ausfahrt Wedding durch das Luisenbad

Führung von Nächste Ausfahrt Wedding durch das Luisenbad

Die sechste Reisesaison von Nächste Ausfahrt beginnt! Tourist sein in der eigenen Stadt, und sei es nur, dass Prenzlauer Berg-Bewohner einmal durch den Gleimtunnel gehen und sich im “wilden Wedding” umsehen. “Manchmal ist es echt unglaublich, dass wir nun schon 5 Jahre Nächste Ausfahrt Wedding hinter uns haben. Wer hätte auch geahnt, was so ein Feierabend-Bierchen vor dem Haus für verheerende Folgen haben kann”, sagen Tanja Kapp und Lothar Gröschel, die das Projekt erfunden und in den letzten Jahren zu einem großen Erfolg geführt haben.

Die von Ortskundigen geleiteten Führungen und Radtouren sind Entdeckungsreisen durch einen Berliner Ortsteil, der auch Ur-Berliner immer wieder zu überraschen vermag. Selbstironisch weisen die beiden Prenzlauer Berger darauf hin, wie sich ihr Leben durch eine ursprünglich ziemlich einfache Idee fundamental geändert hat. “Fünf Jahre Verwahrlosung unseres Privatlebens, kistenweise ungeöffnete Briefe, ein stetig schrumpfender Freundeskreis, Wäschedünen im Bad und Möbel mit Pelzüberzug in der ganzen Bude, das sind so ungefähr noch die softeren Nebenwirkungen”. Schuld ist der Wedding. Wer hätte gedacht, dass er so viele Themen bietet? Afrika im Wedding, Kleingärtner live, Kulinarischer Wedding, Gentrifzierung im Wedding, das Heilbad Gesundbrunnen – die Liste an Themen wird und wird nicht kürzer.

Jetzt beginnt die neue Saison – die Führungen richten sich an Weddinger, am Wedding Interessierte, weltoffene Prenzlauer Berger (und Bewohner anderer Bezirke) ohne Mauer im Kopf sowie Berlin-Besucher, die schopn “alles gesehen haben”.

Es lohnt sich, einmal auf der Website zu schauen!

Die Müllerhalle: Ende eines Trauerspiels, Beginn des Kommerzes

Ja, sie ist hässlich, und ihr Quasi-Leerstand trägt nicht zur Schönheit dieser traditionsreichen Markthalle bei. Ihren herben Charme (und den ihrer Stammgäste) haben die Macher des Magazins “Die Müllerstraße” im Jahr 2011 noch einmal fotografisch dokumentiert. Doch nun steht fest: die Baugenehmigung wird für diesen Monat erwartet und im Mai 2012 wird die Müllerhalle abgerissen. An ihrer Stelle wird ein Neubau errichtet, der schon im September 2013 eröffnet werden könnte (3).

Tristesse in grau: die Müllerhalle

»Die alte Markthalle kann an dieser Stelle nicht wieder belebt werden«, erklärte der baden-württembergische Investor Holger Merz im März 2011 vor der BVV Berlin-Mitte . »Solche Konzepte können heutzutage nur noch in Top-1a-Lagen funktionieren.«(1) Die nördliche Müllerstraße habe nicht die nötigen Standort- Erfolgsfaktoren wie innerstädtische Haupteinkaufslage oder hohe Passantenfrequenz, so die Investoren. (3)

Nun wird es also etwas ganz Originelles geben: ein Einkaufszentrum! Dabei wird den Großteil des Erdgeschosses eine offene Parketage mit 200 Stellplätzen ausmachen, mit Einfahrten an der Müller- und an der Kongostraße. Im rückwärtigen Teil soll die Anlieferung stattfinden.

Ein neuer “Ankermieter” soll sich dann im Obergeschoss der künftigen Halle auf ca. 4.500 Quadratmetern – das entspricht in etwa der Fläche der heutigen Markthalle – ausbreiten. Offiziell wurde nun auch bekanntgegeben, dass die Firma “Kaufland” dieser Ankermieter sein und das Obergeschoss in Beschlag nehmen wird (3).  Im Obergeschoss sind dann noch weitere 950 qm für den kleinteiligen Einzelhandel und im Erdgeschoss entlang der Müllerstraße 550 qm vorgesehen.

Die Architektur soll “hochwertig” sein – das Konzept für den klar strukturierten Baukörper sieht großzügige geschlossene Flächen in dunkelgrauem Klinker und Schaufenster zur Müllerstraße vor. Damit soll die Müllerstraße in ihrem oberen Teil optisch aufgewertet werden – keine große Herausforderung angesichts der Trostlosigkeit der alten Halle. Das Baukollegium der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat sich die Architektur noch einmal näher angeschaut, damit das Allerschlimmste verhindert wird. Das vorgestellte Werbekonzept untersagt Neonwerbung auf der Fassade und schreibt stattdessen auf den Glasflächen liegende Schriftzüge mit Einzelbuchstaben vor. Farbige Firmenlogos dürfen nur von Innen an den Scheiben befestigt werden. Einen schmalen halböffentlichen Durchgang, zur hinter der Halle gelegenen Wohnbebauung kritisierten das Baukollegium und der Bezirk. Hier entsteht ein ”Angstraum”.  Der Eigentümer, die Merz Objektbau und sein Hauptmieter haben die Anregungen des Baukollegiums, das markante Fassadenkonzept auch in den Details umzusetzen und für einen schmalen Durchgang, einem potentiellen Angstraum, eine andere Lösung zu suchen, aufgenommen.(2)

Die letzten Mieter sind nun gekündigt und sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. „Klar ist, dass nicht alle zurückkehren werden“, erklärte der Mitarbeiter von Merz Objektbau schon im März 2011. Es gebe Mieter, die unbedingt bleiben wollen und andere, die für sich keine Zukunft an dem Standort sehen. (3) Wieder andere, wie der Suppen-Treff, haben schon jetzt an einem neuen Standort neu angefangen.

Die Geschichte der Müllerhalle ist übrigens ziemlich schillernd. An diesem Standort befand sich bis 1928 eine Tierarztpraxis mit Hundefriedhof, wo bis zu 400 Hunde bestattet waren (1). Nur böse Zungen dürften nun behaupten, dass in der Müllerhalle der Hund begraben liegt….

Quellen: (1) Sanierungszeitschrift Ecke Müllerstraße, (2) Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, (3) Berliner Woche