Kategorie: Kolumne

Die Kolumne: Angebot zur ersten Hilfe

Ausstellung über Religionen im Paul-Gerhardt-Stift

Paul Gerhardt Stift Café4Wann immer sich unser Blick nach Irak und Syrien, nach Palästina und Israel richtet, sind wir entsetzt über die Gewalt, die dort im Namen von Religionen verübt wurde und wird. Was das mit dem Wedding zu tun hat? Auf den ersten Blick nicht allzu viel, wenn wir einmal davon absehen, dass es im Paul-Gerhardt-Stift in der Müllerstraße derzeit eine tolle Ausstellung gibt, in deren Gefolge Vorträge, Filmabende und Exkursionen angeboten werden. Titel dieser Schau: Weltreligionen-Weltfrieden-Weltethos. Das liest sich sperrig, ist aber eine hoch interessante Angelegenheit. Die Macher nämlich wollen die faszinierende Welt der Religionen deutlich und die Bedeutung ihrer ethischen Botschaften für die heutige Gesellschaft erfahrbar machen. Dabei rücken sie die friedensstiftenden und entwicklungsfördernden Seiten von Religionsgemeinschaften in den Fokus. Und damit sind wir doch wieder beim Wedding und seinem Alltag. Trotteln, die im Namen ihres Gottes den dicken Maxen markieren oder Kraft ihrer Wassersuppe auf anders Lebende und Aussehende hinabblicken, kann geholfen werden. Jetzt auch im Paul-Gerhardt-Stift.

Paul Gerhardt Stift zu Berlin
Stadtteilzentrum
Ausstellungsort: Fliednersaal
Müllerstraße 56-58
13349 Berlin

tgl. 10-12, 15-17 Uhr, Eintritt frei

Autor: Ulf Teichert

Die Kolumne erscheint ebenfalls jeden Samstag im Berliner Abendblatt.

Die Kolumne: Herbstliche Atmosphäre

Ein Markt für Menschen, die wenig Geld haben

NettelbeckplatzAm 11. Oktober steigt wieder einmal auf dem Nettelbeckplatz ein „Goldnetz Sozialmarkt“. Hier können Menschen mit geringem Einkommen (gegen Vorlage eines entsprechenden Bescheids) gespendete und von Langzeitarbeitslosen aufgearbeitete Kleidung, Technik oder Accessoires für wenig Geld erstehen. Das Ganze steht unter dem launigen Motto „Goldener Oktober“ und verspricht ein kostenfreies Rahmenprogramm „in herbstlicher Atmosphäre“.  Ist schon großartig, wie hier prekäre Lebensumstände, also Armut und soziale Not, zum Anlass für ein herbstbuntes Event genommen werden, das gar erst nicht das unangenehme Gefühl aufkommen lassen will, dass hier Menschen einkaufen, die sonst vielleicht im Müll wühlen würden.

Nichts gegen die Veranstalter, die mit ihren Sozialmärkten in Wedding oder Reinickendorf bestimmt nur Gutes tun wollen. Viel besser würde mir allerdings gefallen, diese Märkte würden zugleich auch Plattform sein, gegen eine Politik zu demonstrieren, die Armut und Not zulässt.

Autor: Ulf Teichert

Die Kolumne erscheint ebenfalls jeden Samstag im Berliner Abendblatt, Ausgabe Wedding

 

Die Kolumne: Unter Nachbarn

viertelDie Wohnung oben würde ich gern mal sehen. Ich stelle sie mir vor wie einen Hobbykeller – mit Schummerlicht und unzähligen, mit schweren Apparaten voll gestellten Ikea-Regalen, die nicht lasiert oder lackiert wurden, einem Berg von Werkzeugen im Zentrum und einem kleinen, mickrigen Hibiskus auf der Fensterbank. Den Hibiskus habe ich einmal aus der Nähe gesehen, als die Frau im dritten Stock die Urlaubspflege übernahm und das Pflänzchen durch das Treppenhaus getragen wurde. Der Besitzer ist ein Herr mit schütterem Haar und Brille. Er wirkt ruhig – wie einer, der einfach nichts zu sagen oder viel zu verbergen hat. Doch die schweren Vibrationen und der kreischende Gesang seiner Bohrmaschine, die sich durch den Stahlbeton quält, sind stets präsent im ganzen Block.

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