Im Wedding wird’s ungemütlich

Bisher war in Berlin klar: die Walpurgisnacht bzw. den Maifeiertag konnte man zu Hause, im Grünen, auf Gewerkschaftskundgebungen, im Mauerpark oder in Kreuzberg verbringen.

In diesem Jahr wird es anders. Denn es sind – unter dem Motto “Die Gentrifizierung wandert in Richtung Wedding” – auch zwei Demos in unserem Ortsteil angemeldet worden. Die gehören hier, so die Veranstalter, rein räumlich auch hin. Denn der Senat und Investoren stünden bereits in den Startlöchern, um das Schmuddelkind Wedding mit viel Geld aufwerten zu lassen. Quartiersmanagements, Hausbesitzer und Gremien engagierter Bürger: nach dieser Logik handeln sie alle, die etwas im Kiez verändern wollen, grundfalsch. Ihre Bestrebungen führen letztendlich nur dazu, dass die heutigen Bewohner des Wedding verdrängt werden. Die Bevölkerungsverschiebungen des Prenzlauer Berg könnten sich, so die zwangsläufige Folge, im großen Stil auch hier wiederholen.

Gleich zwei Demos im Wedding

Bis jetzt schien diese Logik weitestgehend dem Reich der Theorie anzugehören. Lag der Wedding bislang eher als Mauerblümchen im Windschatten dieser unbestreitbaren Entwicklung, wird er in diesem Jahr nun endgültig von der Realität eingeholt.  Doch den Organisatoren der Walpurgisnacht-Demos sei Dank: der “Rote Wedding” soll es, stellvertretend für alle Verdrängten dieser Stadt, diesmal allen so richtig zeigen. Gelegenheiten dafür bieten das Openair-Konzert und die Kundgebung: “Antikapitalistische Walpurgisnacht”ab 14.30, S-Bhf. Wedding / Ruheplatzstr. / Adolfstr. und die Revolutionäre 30. April-Demo: “Nimm was Dir zusteht!” ab 21.00 Uhr, S-/U-Bhf. Wedding. Hier wird die genaue Route gezeigt. Sind es wirklich die Weddinger, die sich für diese Position einsetzen – oder eher Bewohner anderer Ortsteile, die den Wedding nur als Schauplatz nutzen?

Aufgeschreckt durch die plötzliche Aufmerksamkeit, die unser bislang wenig beachtete Ortsteil auf einmal erfährt, haben der Förderverein Brüsseler Kiez, die Stadtteilvertretung Müllerstraße und der Runde Tisch Leopoldplatz eine gemeinsame Erklärung verfasst. Darin erklären diese Institutionen, sich mit den Initiatoren der Veranstaltung bzw. der Demonstration einig zu sein, dass die jüngsten Entwicklungen der Mieten auch im Wedding in keinem Verhältnis zur wirtschaftlichen Situation der Bewohner steht und eine Verdrängung ernsthaft zu befürchten sei. “Wir setzen hier auf intensive politische Gespräche und begrüßen in diesem Zusammenhang grundsätzlich auch friedliche Demonstrationen als probate rechtsstaatliche Mittel des Protestes”, erklären Verein und Stadtteilvertretung. Allerdings lehnen sie sämtliche Formen der Gewalt gegen Dinge oder Menschen – durch wen auch immer initiiert – ausdrücklich ab. Gewalt oder Sachbeschädigung, etwa gegen das Gebäude der Arbeitsagentur, können und wollen die Veranstalter der Demos selbst auch nicht ausschließen. Es ist also keine maßlose Übertreibung, wenn in der Erklärung der Weddinger Bürgergremien die Befürchtung geäußert wird, es könne nun auch im Wedding zu Gewaltausbrüchen kommen, wie es in anderen Berliner Stadtteilen in der Vergangenheit immer wieder passiert ist. Schließlich gibt es tatsächlich das Phänomen des “Krawalltourismus”, den natürlich niemand im Kiez haben möchte.

Aus für den Wedding, wie wir ihn kannten?

Ist der Wedding tatsächlich der letzte noch nicht gentrifizierte Stadtteil der Innenstadt? Und sollen hier die Fehler, die woanders gemacht wurden und werden, in einer Art Stellvertreterkrieg durch massive Proteste verhindert werden? Sind die wenigen engagierten Anwohner und Bürger automatisch Wegbereiter ihrer eigenen Verdrängung aus dem Kiez?

Fragen, die wir mit Blick auf Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Neukölln aus der sicheren Distanz stellen durften, ohne sofort eine Antwort zu bekommen. Man konnte sich bis gerade eben noch gemütlich bei Gutes Wedding Schlechtes Wedding im Theatersessel zurücklehnen und herzhaft über die überdrehten Bewohner anderer Bezirke lachen. Aus und vorbei? Jetzt wird der Wedding schneller als erwartet in die Gentrifizierungsdebatte dieser Stadt katapultiert. Im Wedding wird’s ungemütlich!

Presseschau Walpurgisnacht bis 29.04 um 03 Uhr (Zusammenstellung: E.Elfert)

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3 Kommentare

  1. miau

    Es geht doch darum: wie schaffen wir es, ohne Vorurteile anderen gegenüber friedlich mit- und nebeneinander zu leben?! Siehe hierzu KIEZMIEZ, der die Problematik pointiert auf den Punkt bringt:

  2. Pingback: 2012, ein gutes Jahr für die Müllerstraße « Weddingweiser

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